• KSA Kantonsspital Aarau KSA Kinderspital Aarau KSA Bahnhof Aarau KSA Lenzburg
  • Blog

    Digital Twin in der Radiologie: Wie Schweizer Spitäler Kapazitäten sichern und Prozesse optimieren

    8. Juli 2026

    Ein Praxisbeispiel aus der Radiologie des Kantonsspitals Aarau zeigt, wie ein digitaler Zwilling beim Umzug in einen Neubau nicht nur Risiken sichtbar macht, sondern auch konkrete Effizienzgewinne ermöglicht.

    • Fachperson Dr. med. Alexander Cornelius
    • Lesedauer ca. 5 Minuten
    Teilen

    Ausgangslage

    Vor dem Bezug des Neubaus Anfang 2027 stand das Kantonsspital Aarau vor einer strategisch zentralen Frage: Wie lassen sich radiologische Prozesse in eine neue Infrastruktur überführen ohne bestehende Ineffizienzen mitzunehmen? Ziel war nicht ein reiner Umzug, sondern eine gezielte Neugestaltung der Abläufe im Zentrum für Bildgebung und minimalinvasive Therapien (ZBT).

    Die Ausgangslage war anspruchsvoll: Die Radiologie ist im Neubau zwar ideal neben Notfall und Kindernotfall lokalisiert, zugleich bestehen bereits heute Kapazitätsengpässe – insbesondere im MR-Bereich. Gemeinsam mit Siemens Healthineers wurde deshalb ein Consultingprojekt gestartet, das auf einer Workflow-Simulation mit digitalem Zwilling basiert. Grundlage bildeten Daten aus klinischen und operativen Informationssystemen sowie Interviews mit allen relevanten Berufsgruppen und Vor-Ort-Begehungen, um die bestehenden Prozesse detailliert zu analysieren. In enger Zusammenarbeit mit den klinischen Expertinnen und Experten und dem Team von Siemens Healthineers konnten Schwachstellen datenbasiert identifiziert und Verbesserungen vor dem Umzug simuliert werden. Dadurch können Optimierungspotentiale bereits vor der Umsetzung bewertet und kosten- und arbeitsintensive Trial-and-Error im späteren Betrieb vermieden werden.

    Drei Szenarien – und was Spitäler daraus lernen können

    1. Basisszenario: Was passiert, wenn bestehende Prozesse unverändert übernommen werden?

    Im Basisszenario wurde geprüft, wie sich MR-Prozesse im Neubau verhalten würden, wenn die bestehenden Abläufe eins zu eins übertragen werden. Die gute Nachricht: Grundsätzlich ist der operative Betrieb auch im Neubau stabil möglich. Wartezeiten bleiben kurz und die heutige nichtärztliche Personalausstattung erscheint ausreichend.

    Gleichzeitig offenbart das Szenario typische Schwächen gewachsener Strukturen. Die geplante Zuordnung des Leistungsportfolios zu den einzelnen MR-Systemen führt teilweise zu unterschiedlichen Auslastungsniveaus innerhalb der Geräteflotte. Auch angrenzende Ressourcen wie Wartezonen sind knapp dimensioniert – insbesondere dann, wenn Patientinnen und Patienten mit Begleitpersonen erscheinen. Optimierungspotenzial besteht vor allem in einer präziseren Terminierung, einer besseren Verteilung der Patientenströme im Tagesverlauf sowie in einer stärkeren Einbindung von Fachangestellten Radiologie (FAR) in patientennahe Prozesse, um die radiologischen Fachpersonen (RFP) gezielt zu entlasten.

    Simulation 1 -> Basisszenario

    2. Stress-Test: Wo stösst die Infrastruktur an ihre Grenzen?

    Der Stress-Test beantwortete eine für Spitalleitungen zentrale Frage: Welche Ressourcen werden bei weiterem Wachstum zum Engpass? Das ist hochrelevant, denn die Zahl ambulanter MR-Untersuchungen ist am KSA seit Jahren deutlich gestiegen; seit 2017 beträgt das Wachstum im ambulanten MR-Bereich durchschnittlich rund 6 Prozent pro Jahr1.

    Die Simulation zeigt klar: Nicht die Geräte selbst, sondern die Umkleidekabinen werden zum limitierenden Faktor. Bereits ab dem frühen Morgen sind sie voll ausgelastet, was zu Rückstaus im Wartebereich führt. Bleibt das Wachstum auf dem aktuellen Niveau, reichen die acht Umkleidekabinen in weniger als sechs Jahren nicht mehr aus. Als Optimierungsmöglichkeiten wurden unter anderem die Umnutzung angrenzender Flächen zu zusätzlichen ambulanten Umkleiden sowie ein Spindsystem identifiziert, damit Kabinen während der Untersuchung leer bleiben und für den nächsten Patienten schneller wieder verfügbar.

    Simulation 2 -> Stresstest 

    3. Optimierung des Terminierungskonzepts: Wo liegt der grösste Hebel?

    Das dritte Szenario liefert den stärksten Hebel für Effizienz und Wachstum. Simuliert wurde ein neues Terminierungskonzept im RIS: Statt eines 15-Minuten-Rasters wird mit 5-Minuten-Slots geplant, ergänzt durch Priorisierung nach Dringlichkeit sowie die Bündelung ähnlicher Untersuchungen – etwa nach benötigter Spule oder nach Kontrastmittelbedarf.

    Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Simulation zeigt, dass bei gleichbleibender Betriebszeit die Geräteauslastung signifikant gesteigert und damit eine nahezu Vollauslastung der vorhandenen MR-Kapazitäten erreicht werden kann. Gleichzeitig könnte der Patientendurchsatz um bis zu 32 Prozent1 erhöht werden, ohne den Personalschlüssel anzupassen. Trotz deutlich mehr Patientinnen und Patienten sinkt die Auslastung der Umkleiden auf rund 60 Prozent1 und die vorhandenen Vorbereitungsräume bleiben ausreichend dimensioniert. Entscheidend ist jedoch eine präzisere rollenspezifische Personaleinsatzplanung, insbesondere für Springer und Fachangestellte Radiologie (FAR).

    Die Botschaft ist eindeutig: Der grösste Effizienzgewinn liegt nicht zwingend in neuen Geräten oder zusätzlichem Personal, sondern in datenbasiertem Scheduling und einer konsequenten Prozesslogik über die gesamte Patient Journey hinweg.

    Simulation 3 -> Slot Planning

    Lessons Learned

    Das gemeinsame Projekt zwischen dem KSA und Siemens Healthineers zeigt exemplarisch, wie digitale Zwillinge im Spitalumfeld strategischen Mehrwert schaffen können – vorausgesetzt, die Datengrundlage stimmt. Gute, vollständige und repräsentative Daten aus allen relevanten Systemen sind die zentrale Voraussetzung für belastbare Simulationen. Wichtig ist zudem, dass während der Datenerhebungs- und Analysephase keine grundlegenden strukturellen Veränderungen an den betrachteten Prozessen erfolgen und die Betrachtungszeiträume gleichbleiben, damit die Ergebnisse konsistent und belastbar sind.

    Zugleich macht das Projekt deutlich, dass solche Vorhaben nicht nebenbei laufen, sondern eine enge und intensive Zusammenarbeit zwischen Spital und Technologiepartner erfordern. Dennoch lohnt sich der Einsatz, weil Engpässe früh sichtbar werden und Optimierungen vor einem realen Umbau oder einer Kapazitätserweiterung getestet werden können. Besonders gross ist der Mehrwert, wenn die Workflow-Simulation bereits vor wesentlichen baulichen oder infrastrukturellen Entscheidungen durchgeführt wird. Dadurch können beispielsweise Raumkonzepte, Umkleidekapazitäten oder Funktionsbereiche frühzeitig gezielt an zukünftige Anforderungen angepasst werden. Dies wirkt sich mittel- und langfristig auf Baukosten und Performanceparameter aus.

    Für Schweizer Spitäler, die vor Neubauten oder Modernisierungen stehen, ist das eine klare strategische Lehre: Wer Prozesse simuliert, bevor er investiert, trifft fundiertere Entscheidungen, spart Kosten und schafft die Basis für einen effizienten Klinikbetrieb.

     1 Die hierin enthaltenen Aussagen basieren auf Ergebnissen, die von Siemens Healthineers Kunden in deren jeweiligen spezifischen Nutzungsumfeld erzielt wurden. Es ist zu beachten, dass es kein „typisches“ Spital gibt und die Resultate von verschiedenen Variablen abhängen (wie z.B. der Grösse des Spitals, des Behandlungsspektrums, des Grads der IT Integration). Aus diesem Grunde ist nicht gewährleistet, dass andere Kunden dieselben Ergebnisse erzielen werden.