Neues Medikament, neue Hoffnung
19. Mai 2026
Mit Donanemab ist erstmals ein Alzheimer-Medikament in der Schweiz zugelassen, das Hoffnung macht, auch wenn es keine Heilung verspricht. Die komplexe Therapie erfordert ein interdisziplinäres Setting sowie eine umfassende Infrastruktur. Am Kantonsspital Aarau wird nun erstmals ein Patient mit dem neuen Medikament behandelt.
- Fachperson Dr. med. Tobias Piroth
- Lesedauer ca. 10 Minuten
Es beginnt unscheinbar und schleichend. Ein Name, der einem nicht mehr einfällt, obwohl man jahrelang mit der Person zusammengearbeitet hat; Wörter, schwarz auf weiss, deren Bedeutung plötzlich entgleiten. Situationen, die früher selbstverständlich waren, werden zu kleinen Hürden im Alltag.
«Obwohl mir das Areal vertraut war, hatte ich plötzlich das Gefühl, nicht zu wissen, wie ich wieder rauskomme», so beschreibt Patient Helmut K. einen dieser Momente, in dem er erstmals merkte, dass etwas anders war als sonst.
Was zunächst vereinzelt auftrat, wurde über die Jahre häufiger. Orientierungslücken, Schwierigkeiten beim Lesen, das Gefühl, dass «die Verbindung mit dem Gehirn nicht mehr richtig funktioniert». Früh kam bei ihm ein Verdacht auf. Nicht zuletzt, weil seine Mutter an Alzheimer erkrankt war. Doch eine klare Antwort blieb lange aus.
Ein langer Weg zur Diagnose
Der Weg zur Diagnose war langwierig und geprägt von Unsicherheit. Die Abklärungen wiederholten sich, doch immer ohne Ergebnis, ohne Einordnung. «Ich hatte oft das Gefühl, man kommt nicht weiter», beschreibt er diese Zeit. Eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquordiganostik) brachte schliesslich die nüchterne Gewissheit: Alzheimer, in einem frühen Stadium.
Angestossen hatte diesen Schritt die Frau von Helmut K. Sie hatte von der Untersuchung gehört und darauf bestanden, sie durchführen zu lassen. Für ihn war das ein entscheidender Moment in einem Prozess, der zuvor immer wieder ins Leere gelaufen war.
Zu dieser Zeit machten erste Meldungen über die Zulassung neuer Alzheimer-Medikamente die Runde, zunächst in den USA, 2025 in der EU und seit diesem Jahr auch in der Schweiz. Die Familie von Patient K. schöpfte Hoffnung und gelangte auf ihrer Suche einer Therapiemöglichkeit schliesslich ans KSA.
Was Donanemab leisten kann und was nicht
«Das neue Medikament wirkt ausschliesslich bei Alzheimer und auch nur in einem frühen Krankheitsstadium», erklärt Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF der Klinik für Neurologie am Kantonsspital Aarau.
Eine Heilung biete die Therapie nicht, betont Dr. Piroth. Doch sie kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und damit wertvolle Zeit schaffen, in der Selbstständigkeit und Lebensqualität länger bestehen bleiben.
Das Medikament richtet sich gegen sogenannte Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn: Eiweissstrukturen, die als zentraler Faktor bei Alzheimer gelten. Über regelmässige Infusionen wird versucht, diese Ablagerungen zu reduzieren und so den Krankheitsverlauf zu bremsen.
Präzise Abklärung, vernetztes Denken
Doch der Zugang zu dieser Therapie ist anspruchsvoll. Die Patientinnen und Patienten müssen ausführlich kognitiv getestet werden, damit eine Behandlung überhaupt infrage kommt. «Wir müssen sehr genau prüfen, ob es sich tatsächlich um Alzheimer handelt und ob die Voraussetzungen für die Behandlung erfüllt sind.» sagt Dr. Piroth.
Dazu gehört ein umfangreicher diagnostischer Prozess: neuropsychologische Tests, hochauflösende MRI-Bildgebung, genetische Analysen, spezialisierte PET-Untersuchungen und oft auch eine Untersuchung des Nervenwassers. Nicht alle Patientinnen und Patienten erfüllen die notwenigen Kriterien und selbst eindeutige Befunde entstehen selten aus einem einzelnen Test.
Am KSA werden diese Informationen in einem interdisziplinären Board zusammengeführt. Fachpersonen aus Neurologie, Neuroradiologie, Neuropsychologie, Nuklearmedizin und Labormedizin diskutieren jeden Fall gemeinsam. Auch das Interdisziplinäre Notfallzentrum ist eingebunden, um im Ernstfall rasch reagieren zu können.
Hier zeigt sich eine der zentralen Stärken des KSA: die enge Verzahnung der Disziplinen und die Möglichkeit, komplexe Diagnostik und Therapie unter einem Dach zu bündeln. «Es geht darum, viele Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen und verantwortungsvoll zu entscheiden», so der Neurologe.
Begleitende Therapie
Für Helmut K. war dieser strukturierte Ansatz spürbar. «Ich hatte hier das Gefühl, dass man sich wirklich mit meinem Fall beschäftigt», sagt er. Besonders die klare Kommunikation und ständige Erreichbarkeit hätten Vertrauen geschaffen. Ein deutlicher Unterschied zu früheren Erfahrungen.
Obwohl die Therapie aufwendig organisiert ist, bleiben die Auswirkungen auf den Alltag gering: Einmal im Monat kommt der Patient zur Infusion ins KSA. Die Behandlung dauert rund 30 Minuten, der Aufenthalt insgesamt etwa zwei Stunden. Danach kann er wieder nach Hause gehen.
Gerade in den ersten Monaten ist diese enge ärztliche Begleitung entscheidend. Die Therapie kann mit Nebenwirkungen verbunden sein: Schwellungen oder Blutungen im Gehirn gehören zu den möglichen Risiken. Umso wichtiger ist eine präzise Abklärung vor Beginn der Behandlung und eine engmaschige medizinische Betreuung während der Therapie. Im Ernstfall muss schnell gehandelt werden, etwa mit sofortiger Bildgebung und klar definierten Behandlungsschritten.
Für den Patienten zeigt sich diese Sicherheit nicht nur in der Infrastruktur, sondern im direkten Kontakt: «Herr Piroth ist immer ansprechbar, interessiert und geht die Sache direkt und professionell an.»
Autor: Tomas G. Petruccello