Ein muskulöser Körper zu einem hohen Preis
29. Juli 2026
Gewichte stemmen und Muskeln pumpen, das wäre kein Problem. Doch die häufig verwendeten Anabolika bergen gesundheitliche Risiken.
- Fachperson Prof. Dr. med. Philipp Schütz
- Lesedauer ca. 6 Minuten
Auf den sozialen Medien tummeln sich junge, muskelstrotzende Männer und Frauen in grosser Zahl. Sie stemmen scheinbar mühelos schwere Gewichte. Sie preisen ihre Trainingsmethoden an – und oft auch leistungssteigernde Substanzen für teures Geld. Doch hier wird es oftmals nicht nur illegal, sondern auch gesundheitsschädigend.
Philipp Schütz, Hormonspezialist und Chefarzt am Kantonsspital Aarau, begegnet den Auswirkungen eines übermässigen Konsums von leistungssteigernden Substanzen wie Anabolika. Im Gespräch mit dieser Zeitung klärt er auf, wieso Anabolika so gefährlich sind.
Herr Schütz, wie verbreitet ist das Problem?
Philipp Schütz: Der Konsum von Anabolika als leistungssteigernde und muskelaufbauende Substanzen ist im Freizeitbereich verbreitet, besonders in Fitnessstudios unter jungen Männern. Verlässliche Zahlen gibt es leider nicht, da der Konsum häufig im Verborgenen geschieht und Produkte übers Internet schwarz gekauft werden.
Der Konsum von Anabolika ist problematisch. Was sind die Risiken?
Der Begriff «Anabolika» umfasst verschiedene Stoffe wie zum Beispiel anabole Steroide (Testosteron), Wachstumshormone oder Insulin. Sie werden vor allem oral eingenommen oder gespritzt. Häufig ist auch das männliche Sexualhormon Testosteron enthalten. Das ist problematisch: Wenn nämlich dem Körper regelmässig hohe Dosen von Testosteron zugeführt werden, wird die eigene Produktion von Testosteron heruntergefahren und es kommt zu einer Schrumpfung der Hoden. Beim Absetzen kann das zu Unfruchtbarkeit führen. Ausserdem machen Anabolika psychisch und körperlich abhängig. Jede dritte Person entwickelt ein Suchtverhalten mit typischen Entzugssymptomen wie Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen oder «Sehnsucht» nach der Substanz.
Gibt es langfristige Schäden?
Ja, dazu zählen Schäden an Herz und Kreislauf, zum Beispiel Herzmuskelstörungen, aber auch Lebererkrankungen, Nierenversagen sowie psychische Störungen wie Depressionen, Psychosen
und erhöhte Aggressivität können die Folge sein. Zudem steigt das Risiko für Prostatakrebs. Frauen droht zudem eine «Vermännlichung» mit Haarwachstum, Akne und anderen Symptomen.
Gesunder Muskelaufbau ohne Hilfsmittel
Viele Menschen wünschen sich stärkere Muskeln. Legale Alternativen zu Anabolika sind dabei strukturierte Trainingsprogramme, die konsequent verfolgt werden. Wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Proteinen, die je nach Situation bis zu zwei Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag umfassen kann. Ergänzungsprodukte wie Proteinpulver oder -shakes sind nicht notwendig, können aber in der Regel relativ sicher eingesetzt werden.
Mehr Informationen unter www.ssns.ch .
Anabolika sind normalerweise verschreibungspflichtig. Wofür eigentlich?
In der Medizin werden Anabolika zum Beispiel bei Testosteronmangel durch Störung der Hypophyse oder Hoden respektive Nebennieren bei der Frau verschrieben. Anabolika kommen auch bei seltenen Muskel- oder Knochenerkrankungen oder bei Kachexie, einer krankhaften Abmagerung, zum Einsatz. Die Abgabe erfolgt aber immer streng kontrolliert und überwacht.
Weil Anabolika offiziell nur ärztlich verordnet erhältlich sind, werden sie oft im Internet bezogen. Was bedeutet dies?
Die meisten Anabolika im Freizeitbereich stammen vom Schwarzmarkt, wobei ein Grossteil der Präparate gefälscht oder unsachgemäss hergestellt ist. Dies erhöht das Risiko toxischer Zusatzstoffe oder mikrobieller Verunreinigungen und führt beim Spritzen zu einem erhöhten Infektionsrisiko.
Viele tun sich schwer, medizinische Hilfe zu beanspruchen. Warum?
Aus Angst vor Stigmatisierung und rechtlichen Konsequenzen oder Misstrauen gegenüber Gesundheitseinrichtungen. Wenn die Symptome jedoch zu stark sind, wird oft Hilfe geholt: etwa wegen Müdigkeit, depressiver Verstimmung oder Libidoverlust. Wir haben auch immer wieder Patienten, die mit schweren Herzproblemen auf den Notfall kommen und bei denen wir im Blut den Anabolikakonsum sehen – die Patienten trauen sich aber oft nicht, dies zuzugeben.
Wie kommt man von Anabolika wieder los?
Der Ausstieg sollte ärztlich begleitet werden, um psychische und physische Entzugssymptome abzufedern, wie etwa süchtiges Verlangen, Depressionen oder Libidoverlust. Da es sich bei Anabolika um Suchtmittel handelt, müssen sie ausgeschlichen werden und dürfen nicht abrupt abgesetzt werden.
Stefan Müller