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Neue Wege bei Hirnmetastasen: Erst bestrahlen, dann operieren?

5. Oktober 2026

Bei Hirnmetastasen, die operiert werden müssten, gilt heute meist: Zuerst operieren, danach bestrahlen. Die PREOP-2-Studie unter der Leitung des Kantonsspitals Aarau untersucht nun die umgekehrte Reihenfolge.

  • Fachperson PD Dr. med. Susanne Rogers Dr. med. Christian Musahl
  • Lesedauer ca. 5 Minuten
  • Themen Forschung und Innovation
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Im Interview erklären PD Dr. med. Susanne Rogers, Studienleiterin, stellvertretende Chefärztin und Co-Leiterin Radiochirurgie, und Dr. med. Christian Musahl, stellvertretender Chefarzt und Leiter des Hirntumorzentrums, was hinter dem neuen Ansatz steckt und welche Vorteile er für Patientinnen und Patienten bringen könnte.

Wie werden Hirnmetastasen, die operiert werden müssen, heute behandelt?

Susanne Rogers: Üblicherweise wird die Metastase zuerst operativ entfernt. Anschliessend bestrahlen wir gezielt den Bereich, an der sie sich befunden hat – am KSA meist in fünf Sitzungen. Damit lässt sich das Risiko, dass an dieser Stelle erneut eine Metastase wächst, deutlich verringern. Während der Operation können jedoch einzelne Tumorzellen verstreut werden, aus denen später neue Metastasen entstehen.

Was sind Hirnmetastasen?

Hirnmetastasen entstehen, wenn sich Krebszellen eines Tumors aus einem anderen Organ lösen, über den Blutkreislauf ins Gehirn gelangen und sich dort ansiedeln. Sie gehören zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Gehirn.

Weshalb lässt sich das bei einer Operation nicht immer verhindern?

Christian Musahl: Bei vielen Tumoroperationen wird nicht nur der Tumor selbst entfernt, sondern auch ein kleiner Rand gesunden Gewebes, um möglichst sicherzugehen, dass keine Tumorzellen zurückbleiben. Im Gehirn ist das oft nicht möglich. Je nach Lage können schon wenige Millimeter zusätzlich entferntes Hirngewebe Bereiche betreffen, die zum Beispiel für Sprache, Bewegung oder Sehen wichtig sind. Deshalb müssen wir die Metastase unter dem Operationsmikroskop sehr präzise und möglichst nah an ihrer Grenze entfernen. Daher lässt sich nicht vollständig ausschliessen, dass einzelne Tumorzellen zurückbleiben oder verstreut werden. 

Wie entstand die Idee, die Reihenfolge von Bestrahlung und Operation umzukehren?

Susanne Rogers: Seit rund zehn Jahren weisen kleinere Studien aus den USA auf mögliche Vorteile einer Bestrahlung vor der Operation hin. Um zuverlässig herauszufinden, ob die neue Reihenfolge tatsächlich besser ist, müssen wir sie direkt mit der bisherigen Standardbehandlung vergleichen. Deshalb haben wir die PREOP-2-Studie gestartet. Das KSA war das erste Zentrum, das diesen Ansatz systematisch in einer klinischen Studie untersucht hat.

Wie funktioniert die Studie?

Susanne Rogers: Die Hälfte der Teilnehmenden erhält die heutige Standardbehandlung: Zuerst wird operiert, danach folgen fünf Bestrahlungssitzungen. Bei der anderen Hälfte wird die Metastase ein bis zwei Tage vor der Operation einmalig hochpräzise bestrahlt. Die Zuteilung erfolgt per Zufallsgenerator. Die Idee dahinter: Die freigesetzten Tumorzellen sollen durch die vorgängige Bestrahlung bereits so stark geschädigt werden, dass sie keine neuen Metastasen mehr bilden können.

Weshalb reicht vor der Operation eine Bestrahlung?

Susanne Rogers: Vor dem Eingriff ist die Metastase auf den Bildaufnahmen klar erkennbar und lässt sich präzise abgrenzen. Dadurch können wir die Strahlendosis gezielt auf den Tumor konzentrieren und in einer einzigen Sitzung verabreichen.

Wird erst nach der Operation bestrahlt, ist die Situation anders: An der Stelle der entfernten Metastase bleibt eine unregelmässige Höhle zurück, weshalb ein grösserer Bereich bestrahlt werden muss. Von der präziseren Bestrahlung vor der Operation erwarten wir deshalb auch weniger strahlenbedingte Nebenwirkungen.

Verändert die vorgängige Bestrahlung die Operation?

Christian Musahl: Nein, die Operation selbst bleibt unverändert. Für die Patientinnen und Patienten verändert sich aber der Ablauf deutlich. Beim bisherigen Vorgehen muss nach der Operation zunächst die Wunde heilen, bevor etwa drei Wochen später mit der Bestrahlung begonnen werden kann. Mit der neuen Reihenfolge wird die Metastase einmal vor der Operation bestrahlt, anschliessend operiert und wenige Tage später kann die Patientin oder der Patient das Spital verlassen. Die Behandlung der Hirnmetastase ist dann abgeschlossen.

Welche Patientinnen und Patienten kommen für dieses Verfahren infrage?

Christian Musahl: Prinzipiell werden Hirnmetastasen nur operiert, wenn sie Probleme wie beispielsweise epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen verursachen. Für diese Patientinnen und Patienten kommt diese Behandlung infrage.

Susanne Rogers: Damit wir die Metastase vor der Operation bestrahlen können, müssen die Betroffenen neurologisch stabil sein. Wir brauchen etwas Zeit, um die Bestrahlung sorgfältig zu planen. Ist eine sofortige Notfalloperation nötig, bleibt es beim bisherigen Vorgehen und es wird zuerst operiert. 

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Radio-Onkologie und Neurochirurgie bei der PREOP-2-Studie konkret ab?

Christian Musahl: Wenn wir im Tumorboard oder in unserer Frühbesprechung sehen, dass eine Patientin oder ein Patient für die Studie infrage kommen könnte, beurteilen wir den Fall gemeinsam. Anschliessend besprechen wir das mögliche Vorgehen mit den Betroffenen. 

Susanne Rogers: Diese enge Abstimmung ist entscheidend. Die Bestrahlung muss innerhalb weniger Tage geplant und durchgeführt werden, ohne dass die Operation dadurch verzögert wird. Deshalb müssen Radio-Onkologie und Neurochirurgie das Vorgehen von Anfang an eng miteinander abstimmen.

Wo steht die Studie heute?

Susanne Rogers: Die PREOP-2-Studie läuft seit 2022 und baut auf der Pilotstudie PREOP-1 auf. Darin haben wir zunächst untersucht, ob eine einmalige Bestrahlung der Hirnmetastase vor der Operation sicher und im klinischen Alltag gut durchführbar ist. Insgesamt sollen an der PREOP2-Studie rund 200 Patientinnen und Patienten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich teilnehmen. Bisher konnten 80 Personen in die Studie eingeschlossen werden. Die ersten Auswertungen zur Sicherheit zeigen keine zusätzlichen Risiken durch die Bestrahlung vor der Operation. In dieser Gruppe wurden bislang sogar weniger Nebenwirkungen beobachtet. Ob die neue Reihenfolge auch dazu führt, dass später seltener neue Metastasen bzw. Rückfälle auftreten, können wir derzeit noch nicht beurteilen. 

Wann werden aussagekräftige Resultate vorliegen?

Susanne Rogers: Wir hoffen, die Studie bis Ende 2027 abschliessen zu können. Dafür müssen noch weitere Patientinnen und Patienten teilnehmen und über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Erst mit diesen Daten lässt sich verlässlich beurteilen, ob sich die beiden Behandlungsgruppen bei den Rückfällen unterscheiden.

Könnte daraus ein neuer Standard werden?

Christian Musahl: Das werden die endgültigen Studienresultate zeigen. Selbst wenn beide Verfahren medizinisch gleich gut abschneiden, hätte die neue Reihenfolge für Betroffene einen grossen Vorteil: Die Behandlungsdauer wäre deutlich kürzer, weil nach der Operation keine weiteren Bestrahlungssitzungen mehr nötig wären.

Forschung am KSA: Wissen, das in die Behandlung einfliesst

Am Kantonsspital Aarau hat klinische Forschung eine lange Tradition. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragestellungen, die einen direkten Bezug zur Versorgung von Patientinnen und Patienten haben – etwa wie Behandlungen verbessert, Abläufe optimiert oder Risiken früher erkannt werden können.

Geforscht wird in zahlreichen Fachbereichen und mit unterschiedlichen Ansätzen, von klinischen Studien über Versorgungsforschung bis hin zu translationaler Forschung. Ziel ist es, neue wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst rasch in den klinischen Alltag zu übertragen.

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