Schmerzen in den Beinen: Wann Rückenmarkstimulation helfen kann
4. Februar 2026
Bei einer fortgeschrittenen Durchblutungsstörung der Beine stossen klassische Therapien manchmal an ihre Grenzen. Die Rückenmarkstimulation setzt hier an, indem sie Schmerzsignale beeinflusst und die Durchblutung im Gewebe unterstützen kann.
- Fachperson Dr. med. Julien Jost
- Lesedauer ca. 3 Minuten
- Themen Bewegung
Schmerzen in den Beinen, die schon nach wenigen Metern Gehen auftreten, gehören für viele Betroffene zum Alltag. Was harmlos beginnt, kann sich schleichend zu einer schweren Durchblutungsstörung entwickeln: der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), auch bekannt als Schaufensterkrankheit oder Raucherbein. Rund 3 bis 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind betroffen, bei über 70-Jährigen sogar bis zu 20 Prozent.
Wenn Muskeln zu wenig Sauerstoff erhalten
Bei der pAVK sind Arterien verengt oder verschlossen. Ursache sind Ablagerungen aus Fett, Kalk und Entzündungszellen in der Gefässwand, die sich über Jahre ansammeln. Die Folge: Muskeln und Gewebe werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen, in fortgeschrittenen Stadien auch Ruheschmerzen, schlecht heilende Wunden oder im schlimmsten Fall Amputationen.
«Rauchen ist der beinflussbarste Risikofaktor», erklärt Dr. med. Julien Jost, Oberarzt mbF an der Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals Aarau. Weitere wichtige Faktoren sind Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Bewegungsmangel und eine genetische Veranlagung.
Bewährte Therapien und ihre Grenzen
Die Basistherapie bei pAVK setzt auf Rauchstopp, regelmässiges Gehtraining, Blutverdünnung und eine optimale Einstellung der Risikofaktoren. Reicht das nicht aus, kommen Gefässaufdehnungen mittels Ballon oder Stent oder Bypass-Operationen zum Einsatz.
Doch nicht bei allen Betroffenen lassen sich die Gefässe ausreichend weiten. «Wenn Eingriffe mehrfach fehlgeschlagen sind oder starke Schmerzen trotz Therapie bestehen, stossen wir an Grenzen», sagt Jost. In solchen Situationen bleibt die Lebensqualität oft stark eingeschränkt.
Rückenmarkstimulation: ein zusätzlicher Ansatz
Am KSA wird in diesen Fällen die Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) als ergänzende Therapie angeboten. Dabei werden feine Elektroden im Bereich der Wirbelsäule platziert, die elektrische Impulse abgeben. Diese beeinflussen nicht nur die Weiterleitung von Schmerzsignalen, sondern können auch die Durchblutung im Gewebe verbessern.
«Die Rückenmarkstimulation kommt bei schwerer pAVK zum Einsatz, wenn andere Behandlungsoptionen ausgeschöpft sind», erklärt Jost. Voraussetzungen sind chronische Ruheschmerzen oder drohende Gewebeschäden bei fehlenden chirurgischen Alternativen sowie eine gute Aufklärung der Betroffenen.
Minimalinvasiv und individuell anpassbar
Der Eingriff erfolgt minimalinvasiv. Je nach Situation wird das System entweder direkt implantiert oder zunächst in einer Testphase mit temporären Elektroden geprüft. Zeigt sich eine deutliche Besserung, folgt die definitive Implantation. Anschliessend wird die Stimulation in regelmässigen Nachkontrollen individuell angepasst.
Der Nutzen kann vielfältig sein: Schmerzlinderung, bessere Gehfähigkeit, Unterstützung der Wundheilung und in ausgewählten Fällen das Hinauszögern oder Vermeiden einer Amputation. «Vor allem gewinnen viele Betroffene ein Stück Lebensqualität zurück», so Jost.
Nicht nur bei Gefässerkrankungen
Die Rückenmarkstimulation wird seit Jahren erfolgreich eingesetzt, etwa bei chronischen Rücken- und Beinschmerzen nach Wirbelsäulenoperationen, bei Polyneuropathie, beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) oder bei therapieresistenter Angina pectoris.
Dass sie bei pAVK bislang wenig bekannt ist, bedauert Jost: «Idealerweise kann man die Rückenmarkstimulation auch früher einsetzen, um die Durchblutung positiv zu beeinflussen.» Am KSA steht dafür ein spezialisiertes neurochirurgisches Team zur Verfügung.