Schwere Arme leicht gemacht – Therapieoptionen bei chronischem Lymphödem nach Brustkrebs
2. März 2026
Ein schwerer, geschwollener Arm nach einer Brustkrebsbehandlung ist keine Seltenheit. Ein armbetontes Lymphödem entwickelt sich oft schleichend und beeinträchtigt den Alltag vieler Betroffener erheblich. Heute stehen jedoch am KSA moderne, wirksame Therapien zur Verfügung.
- Fachperson PD Dr. med. Riccardo Schweizer
- Lesedauer ca. 5 Minuten
- Themen Forschung und Innovation
«Seit einigen Monaten fühlt sich mein rechter Arm zunehmend schwer an», berichtet Elisabeth Keller*. Nachdem die Brustkrebspatientin Operation und Bestrahlung hinter sich gebracht hatte, dachte sie, die Erkrankung sei überstanden. Doch plötzlich passte ihr Ärmel nicht mehr, und die Haut am Arm spannte.
Was viele Betroffene nicht wissen: Auch Jahre nach einer Brustkrebsbehandlung können gesundheitliche Folgen auftreten. Eine davon ist das armbetonte Lymphödem – eine oft schleichende, aber im Alltag sehr belastende Erkrankung.
Was ist ein Lymphödem und warum entsteht es nach Brustkrebs?
Das Lymphsystem transportiert Flüssigkeit, Eiweisse und Abfallstoffe aus dem Gewebe ab. Wird dieser Abfluss gestört, stauen sich Flüssigkeit und Proteine im Gewebe an. Nach Brustkrebs ist der Abfluss häufig im Bereich der Achselhöhle gestört, etwa nach Lymphknotenentfernungen, Bestrahlung oder durch Narbenbildung.
Die Folge: Der Arm schwillt langsam an. «Das passiert meistens nicht abrupt, sondern entwickelt sich über Wochen oder Monate», erklärt PD Dr. med. Riccardo Schweizer, leitender Arzt für Plastische Chirurgie und Handchirurgie am Kantonsspital Aarau. Rund jede fünfte Patientin entwickelt nach dem Brustkrebs ein chronisches Lymphödem.
Typische Beschwerden und Folgen im Alltag
Anfangs fühlt sich der Arm nur etwas schwer oder gespannt an. Mit der Zeit können Schmerzen, Bewegungseinschränkungen sowie ein dauerhaftes Druckgefühl dazukommen. Das Gewebe kann sich zunehmend verhärten und Kleidung wird unangenehm.
Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für Infektionen wie Wundrosen, da die Immunabwehr im betroffenen Gewebe gestört ist. «Viele Betroffene empfinden das Lymphödem auch psychisch als Belastung, da es eine anhaltende und sichtbare Erinnerung an eine eigentlich abgeschlossene Krebserkrankung darstellt», weiss Riccardo Schweizer.
Konservative Therapie: die Grundlage jeder Behandlung
Die Behandlung beginnt in der Regel konservativ. Dazu gehören manuelle Lymphdrainage, Kompressionsärmel und/oder -handschuhe, gezielte Bewegung sowie sorgfältige Hautpflege. Ziel ist es, den Abfluss zu fördern, die Schwellung zu kontrollieren und mögliche Infektionen zu vermeiden.
Bei manchen Patientinnen stabilisiert sich das Lymphödem im Verlauf ausreichend. Andere bleiben langfristig auf regelmässige Lymphdrainagen und Kompression angewiesen. «Entscheidend ist auch der individuelle Leidensdruck», so Schweizer weiter.
Moderne chirurgische Verfahren bei Lymphödemen
Bleiben die Beschwerden trotz konsequenter konservativer Therapie relevant bestehen, kommen verschiedene chirurgische Methoden infrage. Ziel dieser Eingriffe ist es, den gestörten Lymphabfluss zu verbessern und die Schwellung langfristig zu reduzieren und letztlich die Funktion zu verbessern.
Eine Möglichkeit sind sogenannte lymphovenöse Anastomosen. Dabei werden sehr feine Lymphgefässe mit kleinen Venen verbunden, sodass die angestaute Lymphflüssigkeit direkt in den Blutkreislauf abfliessen kann. Der Eingriff erfolgt über kleine Hautschnitte und unter mikroskopischer Vergrösserung. Für die Patientinnen bedeutet das in der Regel eine schonende Operation mit geringem Komplikationsrisiko.
Eine weitere Option ist der vaskularisierte Lymphknotentransfer. Hierbei werden Lymphknoten aus einer anderen Körperregion in den betroffenen Bereich transplantiert. Dort übernehmen sie eine Filter- und Pumpfunktion und unterstützen so die Bildung neuer Lymphbahnen. Um zu verhindern, dass an der Entnahmestelle selbst ein Lymphödem entsteht, werden spezielle bildgebende Verfahren eingesetzt, die das zu erhaltende lymphatische Gewebe sichtbar machen und schützen. Am KSA wird in Zusammenarbeit mit der Viszeralchirurgie zudem eine besonders schonende Methode angewendet. Mithilfe der Schlüssellochtechnik können vaskularisierte Lymphknotenpakete aus dem Bauchraum entnommen werden. «Dadurch entfällt das Risiko, dass sich an der Spenderregion am Arm oder Bein ein neues Lymphödem entwickelt», erklärt PD Dr. med. Riccardo Schweizer.
In manchen Fällen wird eine solche Operation mit einer Liposuktion kombiniert, wenn sich neben Flüssigkeit auch vermehrt Fettgewebe angesammelt hat.
Welche Methode geeignet ist, wird in einer spezialisierten lymphologischen Sprechstunde individuell geprüft. Auch bei einem seit vielen Jahren bestehenden Lymphödem kann eine operative Behandlung sinnvoll sein. «Viele Patientinnen haben lange resigniert – dabei gibt es heute am KSA etablierte, hochmoderne Optionen zur chirurgischen Behandlung des Lymphödems», betont PD Dr. med. Riccardo Schweizer.
*Name geändert
Die internationale LYMPH-Studie
Das Kantonsspital Aarau ist eines von über 20 Zentren, die an der LYMPH-Studie teilnehmen. Untersucht wird, ob chirurgische Verfahren bei chronischem, brustkrebsassoziiertem Lymphödem der alleinigen konservativen Therapie überlegen sind. Teilnehmen können volljährige Patientinnen mit chronischem Lymphödem nach Brustkrebs, die grundsätzlich für eine Operation infrage kommen. Verglichen werden Lebensqualität, Volumenreduktion und weitere Faktoren nach 15 Monaten und nach 10 Jahren. Interessierte Patientinnen können sich für eine unverbindliche Evaluation anmelden.
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