Verwirrt im Spital – und jetzt?
13. Oktober 2026
Ängstlich, apathisch oder aggressiv: Hinter diesem Verhalten im Spital kann ein Delir stecken. Das Kantonsspital Aarau setzt auf eine frühe Erkennung. Dafür spannen der hauseigene Delir-Spezialist, das Behandlungsteam und die Angehörigen erfolgreich zusammen.
- Fachperson Mario Hinrichs
- Lesedauer ca. 6 Minuten
Als Pia W. ihren Ehemann Paul besucht, der mit einem Knochenbruch im Kantonsspital Aarau liegt, erkennt sie ihn kaum wieder: Er spricht wirres Zeug, wirkt fahrig, hat Angst vor dem Duschen, behauptet, sein Essen sei vergiftet, verliert im Gespräch ständig den Faden, möchte die Schläuche der Infusion herausziehen und findet seine Brille nicht mehr.
Pia W. ist irritiert. So hat sie ihren Mann in vierzig Ehejahren noch nie erlebt. Sie wendet sich an das Pflegefachpersonal und stösst auf offene Ohren. Denn was Pia W. schildert, kommt während eines Spitalaufenthalts häufig vor – bei den über 65‑Jährigen ist jede fünfte Person betroffen.
Der Fachbegriff dafür heisst Delir. Typisch ist eine Verwirrtheit wie bei Paul W., die plötzlich auftritt, oft begleitet von Ängsten und Desorientierung, manchmal auch Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen. So können Betroffene zum Beispiel das Essen oder die Infusion verweigern, weil sie überzeugt davon sind, dass Gift darin steckt. Oder im Pflegepersonal Feinde sehen und es angreifen. Anders als eine Demenz entwickelt sich ein Delir innert weniger Stunden, was zu einer sehr plötzlichen Verhaltensänderung führt. Das Delir ist meistens nicht die Hauptdiagnose, sondern zeigt einen schlimmeren Verlauf einer anderen Erkrankung an (z.B. eine Lungenentzündung oder ein Knochenbruch). Halluzinationen und Wahnvorstellungen können bei Betroffen sehr grosse Ängste auslösen, weshalb sie dann zum Beispiel das Personal angreifen, weglaufen können oder ganze Nächte nicht schlafen. Unbehandelt kann ein Delir tödlich enden, weil beispielsweise ein zu Grunde liegender Infekt nicht erkannt wird und dieser dann zum Tode führen kann.
Delir hat viele Gesichter
Ausgelöst wird ein Delir etwa durch Operationen oder Narkosen, Infekte, Fieber oder die Wechselwirkung von Medikamenten. Als Folge davon kann das Gehirn Informationen nicht mehr wie gewohnt verarbeiten; Aufmerksamkeit, Konzentration und Bewusstsein schwinden.
Bei suchtkranken Menschen führt der Entzug zu einem Delir. Wie bei jener jungen Frau, die nach einem Motorradunfall mit schweren Verletzungen eingeliefert und sofort operiert wurde. Da sie wegen der Narkose nicht befragt werden konnte, wusste niemand vom Spitalpersonal um ihre Alkoholsucht. Als die Patientin zu zittern und schwitzen begann, zeigte sich ihr Entzugsdelir.
Die vielen Gesichter von Delir machen die Diagnose anspruchsvoll. Dabei ist das frühe Erkennen das A und O für eine erfolgreiche Behandlung. Am Kantonsspital Aarau setzt man dafür mit Mario Hinrichs auf einen hauseigenen Delir-Pflegespezialisten (siehe Box unten), der Hand in Hand mit dem Behandlungsteam arbeitet. Eine besondere Rolle kommt den Angehörigen zu: Sie realisieren meist früher als alle anderen, dass etwas nicht stimmt.
Wie Pia W. Ohne es zu wissen, hat sie alles richtig gemacht: «Wenn Angehörige sich beim Behandlungsteam melden, können wir die Ursache sofort suchen und Massnahmen einleiten», sagt Pflegefachmann Hinrichs, der seit fünf Jahren Menschen mit Delir oder Delir-Risiko am Kantonsspital Aarau begleitet und diesen Sommer seinen Master abgeschlossen hat. Bei Verdacht auf Delir sucht Mario Hinrichs die Patientin oder den Patienten auf, fragt nach Befindlichkeit, Ängsten oder Halluzinationen, beurteilt die Symptome mit einem speziellen Verfahren, schaut, wie das Gespräch verläuft, und prüft Risikofaktoren wie Sturzgefahr, Wundliegen oder Schluckstörungen.
Vertrauen trotz Verwirrtheit
All das bildet die Grundlage für die ärztliche Diagnose und Therapie, wie zum Beispiel das Behandeln eines Infekts oder das Absetzen oder Verschreiben von Medikamenten. Das Pflegeteam wiederum setzt die pflegerischen Massnahmen um, achtet auf ausreichendes Trinken und Essen, regelmässiges Wasserlösen sowie genügend Schlaf und steht im engen Austausch mit den Angehörigen, begleitet und unterstützt von Hinrichs.
Bei Paul W. hat die Ärztin einen Infekt entdeckt, der nun mit Medikamenten behandelt wird. Seiner Frau ist es gelungen, ihm die Angst vor dem Duschen zu nehmen. Und seit sie gemeinsam im Spital essen, ist auch die vermeintliche Vergiftung kein Thema mehr. Selbst in Zeiten grösster Verwirrung hat Paul W. seiner Frau vertraut und auf sie gehört – sie war seine verlässliche Stütze. Das erlebt auch Mario Hinrichs immer wieder: «Angehörige sind meist ein guter Anker.»
Drei Fragen an Mario Hinrichs, Experte für Delir am KSA
Mario Hinrichs, Sie sind als Pflegefachperson mit Master (Advanced Practice Nurse, kurz APN) am Kantonsspital Aarau auf Delir spezialisiert. Wie können wir uns Ihre Aufgabe vorstellen?
Ich unterstütze das Pflegeteam dabei, ein Delir frühzeitig zu erkennen. Wenn ein Patient mit Verdacht auf Delir bereits ein herausforderndes Verhalten zeigt, gehe ich zu ihm und verschaffe mir ein Bild: mit Gesprächen und einem speziellen Beurteilungsverfahren. Dabei kläre ich auch Risiken ab – etwa eine Sturzgefahr oder Selbstverletzung. Diese Ergebnisse bespreche ich mit dem Pflege- und Arztdienst.
Angehörige sind oft die Ersten, die ein Delir bemerken. Was sollen sie in einem solchen Fall tun?
Sich beim Behandlungsteam melden, damit wir rasch reagieren können. Tatsächlich bemerken Angehörige oft früher, wenn sich das Bewusstsein oder die Aufmerksamkeit verändert hat. Wir integrieren sie in die Behandlung, weil sie Sicherheit vermitteln können – aber auch, weil Menschen mit Delir vorübergehend nicht oder nur bedingt in der Lage sind, therapeutische Entscheidungen zu treffen. Dann helfen die Angehörigen, im Sinne der Patientin oder des Patienten zu entscheiden.
Grundsätzlich kann sich Delir bei allen Menschen entwickeln, besonders gefährdet sind über 65‑Jährige. Gibt es Möglichkeiten, vorzubeugen?
Ja. Ein Delir lässt sich teilweise verhindern, oder zumindest lässt sich das Risiko reduzieren. Bei jedem Spitaleintritt Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen mitnehmen. Nicht mehr intakte Geräte unbedingt vorher reparieren, weil die Kommunikation sonst erschwert wird. Mangelernährung und zu wenig Flüssigkeit sind Risikofaktoren für ein Delir, also ausreichend essen und trinken. Alle Medikamente, auch rezeptfreie, mit dem Pflegedienst absprechen, damit es nicht zu Wechselwirkungen kommt – auch das kann ein Delir auslösen. Zu guter Letzt empfiehlt es sich, im Spital tagsüber immer wieder aufzustehen und aktiv zu sein – das fördert den Schlaf nachts.
Alice Graf