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    «Zappelbeine» Schritt um Schritt bändigen

    20. Februar 2026

    Wer ständig unruhige Beine hat, könnte Restless Legs (RLS) haben. Mit etwas Geduld lässt sich die lästige neurologische Störung oftmals beheben.

    • Fachperson Dr. med. Tobias Piroth
    • Lesedauer ca. 10 Minuten
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    Sobald sich Christa Allenbach abends gemütlich vor den Fernseher setzen will, beginnt es: «Ein unangenehmes, schmerzhaftes Zucken und Ziehen in den Beinen», beschreibt die 65-Jährige die tägliche Pein, die sie immer wieder wochenlang plagt. «Nach zwei bis drei Stunden hört es wieder auf, ich gehe dann komplett erschöpft schlafen.»

    Christa Allenbach leidet seit 25 Jahren an einem Restless-Legs-Syndrom. Die Krankheit wurde damals von ihrem Neurologen entdeckt, der sie wegen Parkinson schon viele Jahre davor behandelt hatte. Doch eine anhaltend wirksame Behandlung gegen die unruhigen Beine konnte bislang nicht gefunden werden.

    Häufige neurologische Erkrankung

    Vom Restless-Legs-Syndrom (RLS) sind in der Schweiz gegen zehn Prozent der Menschen betroffen. Damit ist es eines der häufigsten neurologischen Leiden, besonders ab fünfzig. Die typischen Symptome: ein unangenehmer Bewegungsdrang in den Beinen, vorab in den Waden, verbunden mit Missempfindungen wie Kribbeln oder Ziehen. Meistens abends und in der Nacht, in Ruhesituationen.

    Trotz klarer Hinweise lässt sich die Krankheit nicht so leicht festmachen: «Zuerst müssen die richtigen Symptome erkannt werden», sagt Tobias Piroth, Neurologe und Leiter Bewegungsstörungen und Kognition am Kantonsspital Aarau (KSA). Die Symptome seien nicht immer eindeutig. Ausserdem gebe es Krankheiten, die diese Symptome imitieren. «Wer also seine Beine ohne dieses Missempfinden ständig bewegen muss, hat möglicherweise eine andere neurologische Störung», so der Neurologe. Eine Polyneuropathie könnte im Spiel sein: eine chronische Nervenschädigung, die zum Beispiel bei Diabetikern oft auftritt. Doch genauso kann Eisenmangel, eine Nieren- oder Lebererkrankung oder ein unbehandelter Diabetes die Ursache sein.

    Nicht krankhaft hingegen sind laut Piroth die normalen Zuckungen an Armen oder Beinen beim Einschlafen oder im Schlaf.

    Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF Neurologie / Leiter Bewegungsstörungen und Kognition
    Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF Neurologie / Leiter Bewegungsstörungen und Kognition
    Das Risiko, diese Krankheit irgendwann im Leben zu entwickeln, kann auch genetisch bedingt sein.

    Manchmal hilft das Schlaflabor weiter

    Um den Restless Legs auf die Spur zu kommen, ist eine sorgfältige Befragung des Patienten respektive der Patientin zentral. Das schafft oft schon Klarheit. Wenn nicht, hilft in der Regel eine Untersuchung im Schlaflabor, um die typischen rhythmischen Bewegungen der Beine nachzuweisen.

    Wichtig ist es auch zu klären, welche Medikamente regelmässig eingenommen werden. Denn bestimmte Wirkstoffe können Restless-Legs-Beschwerden auslösen, insbesondere Psychopharmaka und Medikamente gegen Allergien. Es könnte aber auch ein Mangel vorliegen, zum Beispiel an Eisen oder Vitamin B12. Beides kann brennende Schmerzen oder Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl bewirken, häufig an Füssen oder Händen.

    Zuerst werden deshalb immer Eisen und Vitamine im Blut bestimmt. Gibt es einen Mangel, werden diese Stoffe in Form von Infusionen oder Tabletten zugeführt. «Vegetarierinnen und Vegetarier müssen besonders aufpassen, nicht in einen Mangel zu geraten», sagt Tobias Piroth.

    Daraufhin wird nach den erwähnten Grunderkrankungen gesucht, die Restless Legs bekanntermassen verursachen können. «Doch nicht immer gibt es eine Grunderkrankung», weiss der Experte. «Das Risiko, diese Krankheit irgendwann im Leben zu entwickeln, kann auch genetisch bedingt sein.»

    Was kann man selbst tun bei unruhigen Beinen?

    Das Restless-Legs-Syndrom lässt sich nicht generell durch präventive Massnahmen verhindern, aber ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und regelmässiger körperlicher Aktivität sowie eine gute Behandlung von Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck sind empfohlen, manchmal auch Yoga. Vorsicht ist mit pflanzlichen Medikamenten geboten, die die Beschwerden sogar verstärken können – zum Beispiel das antidepressiv wirkende Johanniskraut.

    Wirksame Medikamente haben oft Nebenwirkungen

    Die Behandlung beginnt damit, dass man versucht, die auslösenden Ursachen zu beseitigen. Erst wenn dies nicht gelingt, erfolgt die eigentliche Therapie: in erster Linie mit niedrig dosierten Parkinson- Medikamenten. Die können jedoch mit Nebenwirkungen verbunden sein, etwa mit Tagesmüdigkeit oder Einschlafattacken, zuweilen auch mit psychiatrischen oder suchtartigen, wie zum Beispiel einer plötzlichen Neigung zum Glücksspiel oder zu Konsumsucht.

    Zeigt diese Therapie keine oder nur ungenügende Wirkung, kommen niedrig dosierteEpilepsie-MedikamentezumEinsatz, dieauchfürdieBehandlungvonNervenschmerzenbekanntsind. Aberauchbei ihnenistmitmöglichenNebenwirkungen zu rechnen: Benommenheit, BeinschwellungenoderGleichgewichtsproblemebeispielsweise. Tritt immer noch keine Besserung ein, stehen auch Opiate zur Wahl.

    Bei Christa Allenbach wirkten all diese Massnahmen nur vorübergehend oder ungenügend. Einen Eisen- oder Vitaminmangel hat sie keinen. «Jetzt verdächtigt mein Arzt ein bestimmtes Medikament», sagt sie. Allenbach lässt deshalb eines der 32 täglich eingenommenen Medikamenteweg. Inzwischenkonntewenigstensder Parkinson mit einer Operation stabilisiert werden. Sie hofft nun, dass sich ihre Beine endlich auch beruhigen werden.

    Allenbach lässt sich jedenfalls nicht so leicht unterkriegen: «Ich bin mit meinem Mann trotz allem regelmässig in den Bergen und mache mehrstündige Wanderungen », freut sich die ehemalige Mittelstrecken- und Marathonläuferin.

    Autor

    Stefan Müller