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    Aortenaneurysma: Wenn die Hauptschlagader zur Gefahr wird

    7. Mai 2026

    Es ist ein Befund, der oft zufällig auftaucht und alles verändert: eine Aussackung an der Hauptschlagader. Obwohl die Diagnose zunächst harmlos klingt, kann sie lebensbedrohlich werden. Entscheidend ist, rechtzeitig zu handeln.

    • Fachperson Med. pract. Regula Marti
    • Lesedauer ca. 6 Minuten
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    Ein Aneurysma der Aorta entwickelt sich meist unbemerkt. Die Hauptschlagader, die das Blut vom Herzen in den Körper transportiert und im Bauchbereich einen Durchmesser von ca. 2 bis 2,5 cm hat, weitet sich an einer Stelle ballonartig aus. Diese Aussackung kann sich über Jahre hinweg langsam vergrössern. Gefährlich wird es, wenn das Aneurysma reisst. Dann zählt jede Minute.

    Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren wurde ein Bauchaortenaneurysma häufig erst im Notfall diagnostiziert. Heute sieht das anders aus. Computertomografien (CT) sind inzwischen ein fester Bestandteil der medizinischen Diagnostik, sodass Aneurysmen oft zufällig entdeckt werden, bevor sie akut werden. «Früher hatten wir deutlich mehr Patientinnen und Patienten, bei denen ein Aortenriss die erste Diagnose war. Heute ist das selten», erklärt Regula Marti, Chefärztin a.i. der Gefässchirurgie am Kantonsspital Aarau (KSA).

    Regula Marti, Chefärztin a.i. Gefässchirurgie am KSA.
    Regula Marti, Chefärztin a.i. Gefässchirurgie am KSA.

    Zwischen Schock und Abwägung

    Für viele Betroffene beginnt die eigentliche Belastung mit der Diagnose. Körperlich fühlen sie sich gesund und müssen doch plötzlich mit der Gefahr eines möglichen Aortenrisses leben. «Psychologisch ist das eine riesige Belastung », sagt Marti. Deshalb ist es besonders wichtig, die Situation sorgfältig einzuordnen.

    Denn nicht jedes Aneurysma erfordert sofort eine Operation. Bei kleinen und stabilen Befunden genügt zunächst eine regelmässige Kontrolle. Eine Behandlung wird in der Regel ab einem Durchmesser von rund 55 mm bei Männern empfohlen, bei Frauen ab 50 mm. «Letztlich ist es immer eine Abwägung zwischen dem Risiko des Abwartens und dem Risiko einer Operation», erklärt Chefärztin Regula Marti. Alter, Begleiterkrankungen und der allgemeine Gesundheitszustand spielen dabei eine entscheidende Rolle. 

    Wer besonders gefährdet ist

    Ein Bauchaortenaneurysma entsteht häufig im Zusammenhang mit Arterienverkalkung. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Bei Frauen treten Aneurysmen gemäss Gefässchirurgin Regula Marti vor allem im Zusammenhang mit Nikotinkonsum auf. Auch eine familiäre Häufung ist relevant. Personen, deren nahe Verwandte betroffen sind, sollten dies ärztlich abklären lassen.

    Minimalinvasiv oder offen operieren?

    Bei einem behandlungsbedürftigen Bauchaortenaneurysma stehen grundsätzlich zwei operative Verfahren zur Verfügung:

    Beim minimalinvasiven Stentverfahren wird über zwei kleine Schnitte in der Leiste ein Stent – ein kleines, röhrenförmiges Metall- oder Kunststoffgeflecht – in die Schlagader eingebracht. Es entfaltet sich im Inneren der Hauptschlagader und bildet dort einen neuen Kanal, durch den das Blut fliesst. Die Aussackung bleibt bestehen, wird jedoch von innen stabilisiert. «Man schafft einen neuen Kanal, aber man heilt die Erkrankung nicht», sagt Chefärztin Marti.

    Bei der offenen Operation wird der erkrankte Abschnitt der Hauptschlagader chirurgisch freigelegt und durch einen Kunststoffschlauch ersetzt. Das Stentverfahren ist weniger belastend für den Körper und mit geringerem Blutverlust verbunden. Es eignet sich daher besonders für ältere oder gesundheitlich vorbelastete Betroffene. Mithilfe einer Computertomografie wird vorgängig sorgfältig geprüft, ob die anatomischen Voraussetzungen für einen Stent überhaupt erfüllt sind. Wenngleich das Verfahren schonender ist, rät die Expertin gerade jüngeren Menschen häufig zur offenen Operation. «Leider hat sich gezeigt, dass Stents langfristig nicht immer dicht bleiben. Deshalb sind lebenslange, regelmässige Kontrollen notwendig», erläutert sie.

    Die offene Operation ist zwar ein grösserer Eingriff – mit Bauchschnitt, Intensivüberwachung und einer Phase körperlicher Schonung –, dafür ist das Problem für die meisten Patientinnen und Patienten danach dauerhaft gelöst. «In der Langzeitperspektive ist das oft die zuverlässigere Variante», sagt Marti. Entscheidend ist, für jede Person individuell das geeignete Verfahren zu wählen.

    Schematische Darstellung eines Bauchaortenaneurysmas: Die Hauptschlagader ist im Bauchbereich krankhaft erweitert.
    Schematische Darstellung eines Bauchaortenaneurysmas: Die Hauptschlagader ist im Bauchbereich krankhaft erweitert.

    Ein Netz für mehr Stabilität

    Narbenbrüche gelten seit langem als häufige Spätkomplikation nach offenen Operationen. Aneurysmen entstehen durch eine Schwäche des Gewebes, die nicht nur die Gefässwand, sondern häufig auch die Bauchwand betrifft. Am KSA wird daher bei geplanten Eingriffen ein spezielles biologisches Netz verwendet. «Man kann es sich wie ein kleines Fliegengitter vorstellen», beschreibt Marti. Dieses Netz wird auf die verschlossene Bauchwand aufgenäht und stabilisiert die Narbe während der sensiblen Heilungsphase. Später löst sich das Material von selbst auf. Ziel ist es, das Risiko von Narbenbrüchen deutlich zu verringern. Für die Operierten bedeutet dies weniger Folgeeingriffe und bessere Langzeitergebnisse.

    Im Notfall ins Zentrumsspital

    Trotz aller Fortschritte bleibt der Aortenriss ein lebensbedrohlicher Notfall. Beim Riss dringt Blut aus der Hauptschlagader in den Bauchraum oder, was weniger gravierend ist, hinter das straffe Bauchfell. Typisch sind plötzlich auftretende, starke Schmerzen in der Bauchregion. Viele Betroffene beschreiben diese als «Vernichtungsschmerz». Der Schmerz kann typischerweise in den Rücken oder die Leistengegend ausstrahlen. «Bei einem Aortenriss zählt jede Minute », betont Marti. Deshalb gilt: Bei entsprechenden Symptomen sofort den Notruf wählen oder umgehend ein Zentrumsspital aufsuchen.