Wenn der Husten an die Niere geht
20. Mai 2026
Was mit Husten und Fieber begann, endete beinahe mit einem Nierenversagen: Im Kantonsspital Aarau kämpften Ärztinnen und Ärzte um das Leben von Iris S. – und gegen eine äusserst seltene Krankheit.
- Fachperson Prof. Dr. med. Stephan Segerer Dr. med. Manyola Völkle
- Lesedauer ca. 5 Minuten
Es begann mit Fieber und Husten. Iris S. (53) aus Rothrist dachte zuerst an eine Grippe. Doch die Beschwerden verschwanden nicht. Im Gegenteil: «Das Atmen fiel mir immer schwerer. Nach zehn Tagen war ich völlig entkräftet.» Ihr Partner Victor L. brachte sie zum Hausarzt. Der nahm ihr Blut ab und schickte sie aufgrund der schlechten Blutwerte umgehend ins Spital Zofingen. Das war am 19. Juli 2022.
Ein überraschender Befund
Beim Eintritt hatte die Patientin Husten, Atemnot und Fieber. Untersuchungen zeigten Flüssigkeit in der Lunge und am Herzbeutel. Zudem waren die Nierenwerte stark erhöht. Deshalb wurde Prof. Dr. Stephan Segerer hinzugezogen. Der Nierenspezialist ist Chefarzt der Nephrologie am Kantonsspital Aarau. «Eine sonst gesunde Frau kommt nicht einfach so mit einer so schlechten Nierenfunktion ins Spital», sagt er. «Da war schnell klar, dass wir genauer hinschauen müssen.»
Eine einfache Urinuntersuchung brachte den entscheidenden Hinweis: In der Urinmikroskopie fanden sich reichlich rote Blutkörperchen – ein typisches Zeichen für eine Entzündung der Nierenkörperchen. Wenige Stunden später bestätigte ein Bluttest den Verdacht: Die Patientin hatte sogenannte Anti-GBM-Antikörper im Blut. Die Diagnose lautete Goodpasture-Syndrom beziehungsweise Anti-GBM-Erkrankung. Eine sehr seltene Krankheit – pro Jahr gibt es in der Schweiz ungefähr acht bis zehn Fälle. Dabei greift das Immunsystem die eigenen Nieren und oft auch die Lunge an: «Die Antikörper richten sich gegen ein Eiweiss, das in beiden Organen vorkommt», erklärt Segerer. «Darum können Nieren und Lunge betroffen sein.»
Wenn jede Stunde zählt
Aufgrund des Bluttestes erhielt die Patientin umgehend eine hohe Dosis Kortison, um das Immunsystem zu hemmen. Im Verlauf wurde noch eine Gewebeprobe der Niere entnommen, um die Diagnose in ihrem Schweregrad zu sichern. «Die Nieren der Patientin arbeiteten zu diesem Zeitpunkt nur noch stark eingeschränkt», erinnert sich Stephan Segerer. «Gesunde Nieren filtern pro Minute rund 90 Milliliter Blut; bei ihr lag der Wert noch bei etwa 17.» Bei dieser Krankheit müsse alles schnell gehen, betont der Spezialist. «Das sind echte Notfälle. Ein oder zwei Tage können den Verlust der Nierenfunktion bedeuten.»
Schon am nächsten Tag wurde die Patientin zur spezialisierten Betreuung ins Kantonsspital Aarau verlegt. Dort begann sogleich die Behandlung: Iris S. erhielt hoch dosiertes Kortison und Medikamente, die das Immunsystem stark herunterfahren. Dazu kam eine sogenannte Plasmapherese – eine spezielle Blutreinigung. «Man entfernt den ‘flüssigen’ Anteil des Blutes mit den darin enthaltenen, schädlichen, Antikörpern», erklärt Segerer. Aufgrund eines Engpasses musste die Patientin für die ersten Plasmapharesen an das Unispital Zürich verlegt werden. «Ich war sehr froh, dass ich dies mit einem kurzen Telefonat mit einem Kollegen abmachen konnte, der uns in der optimalen Therapie unterstützte.»
Die Therapie von Iris S. dauerte viele Wochen. Allein in den ersten zwei Wochen erhielt sie elf Plasmapharesen. Insgesamt waren es fast 60 Sitzungen. «Ich war extrem schwach», erinnert sie sich. «Mein Bauch, die Beine und die Füsse waren geschwollen wie ein Ballon.» Weil sie stark abgenommen hatte und zeitweise nur noch 32 Kilogramm wog (Normalgewicht 44 kg), kam ihr Körper an die Grenzen. «Die Geräte sind eigentlich für Erwachsene mit mindestens 40 Kilo gemacht», sagt sie. Jede Sitzung dauerte mehrere Stunden. «Ich hatte ständig kalt und keinen Appetit mehr. Mehrmals bin ich sogar kollabiert. Das war auch für die Ärzte schwierig, aber sie haben mich immer wieder gerettet.»
Kritische Phase und die Wende
Trotz Behandlung verschlechterte sich die Nierenfunktion zunächst weiter. Zeitweise arbeiteten die Nieren weniger als zehn Prozent. «Wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten, sammeln sich Giftstoffe im Körper an», erklärt Segerer. «Das kann lebensgefährlich werden.» Deshalb brauchte die Patientin zusätzlich eine Dialyse. Hinzu kam die starke Unterdrückung des Immunsystems – mitten in der Coronapandemie. «Mein Immunsystem war praktisch bei null», erinnert sich die Patientin. «Jede kleine Infektion hätte mich töten können.»
Besonders wichtig in jener Zeit war für sie die Unterstützung ihres Partners: «Victor hat mich jeden Tag besucht. Diese Liebe hat mir Kraft gegeben.» Überaus dankbar ist sie auch dem gesamten Behandlungsteam: «Die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegerinnen und Pfleger, alle Mitarbeitenden waren sehr nett und professionell. Ich bin allen von Herzen dankbar.»
Nach einigen Wochen kam die Wende. Die Antikörperwerte sanken, die Entzündung beruhigte sich und die Nieren begannen sich zu erholen. Die Dialyse konnte später beendet werden. «Das war ein sehr guter Verlauf», sagt Segerer. «Bei dieser Erkrankung ist die Erholung der Niere nicht häufig. Ich bin sehr froh, dass sich bei Frau S. etwa die Hälfte der Nierenfunktion wieder erholt hat.»
Zurück ins Leben
Nach dem Spitalaufenthalt folgte für Iris S. eine vierwöchige Reha. Dort kam sie langsam wieder zu Kräften. Und auch der Appetit kam zurück – und damit das eine oder andere Kilo. Doch ganz vorbei war die Krise noch nicht: Kurz nach der Rückkehr nach Hause trat plötzlich eine rechtsseitige Lähmung des Gesichtes auf. «Das war richtig schlimm», erinnert sich die Patientin. Erneut musste sie ins KSA. Untersuchungen in der Neurologie schlossen einen Schaden im Gehirn aus. Immerhin. Doch es brauchte sehr lange, bis sich die Muskeln des Gesichtes wieder bewegen liessen. Dank intensivem Training besserten sich die Beschwerden aber deutlich. Geblieben sind Beschwerden im Bereich des ehemaligen Katheters.
Heute kann die Patientin wieder ein weitgehend normales Leben führen. Die Blutwerte sind stabil, die schweren Therapien längst beendet. «Es geht mir sehr viel besser. Ich muss nur noch selten ins Spital zur Kontrolle. Das ist eine gute Nachricht, nicht?», sagt sie und lacht wie so oft.
An dieses Lachen und die Dankbarkeit der Patientin erinnert sich Dr. med. Manyola Völkle, Oberärztin i.V. Allgemeine Innere Medizin, gerne. Sie hat Iris S. bei den Nachkontrollen kennengelernt. «Nachdem sie lebensbedrohlich krank gewesen ist, ist ihre Prognose heute gut, freut sich Völkle: «Rückfälle sind bei dieser Krankheit selten.» Für sie zeigt der Fall, wie wichtig offene Kommunikation, schnelles Handeln und gute Zusammenarbeit – über die Spitäler hinaus - sind. Viele Fachbereiche waren beteiligt – von der Notfallmedizin bis zur Spezialtherapie. «Solche Erkrankungen sind selten», sagt Völkle. «Aber wenn sie auftreten, muss alles sehr schnell gehen und professionell ablaufen.»
Die Abteilung Nephrologie des KSA ist für die Behandlung von Nierenkrankheiten mit Fokus auf den Erhalt der Nierengesundheit spezialisiert. Das Team steht Patientinnen und Patienten in Aarau, Zofingen und Frick mit ihrem Fachwissen zu Verfügung. «Wir behandeln das gesamte Spektrum von Nierenerkrankungen. Uns stehen alle modernen Möglichkeiten zur Diagnose und Therapie zur Verfügung», sagt Chefarzt und Klinikleiter Prof. Dr. med. Stephan Segerer.
Wenn Medizin zur Detektivarbeit wird
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