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Vielfältige Symptome, komplexe Diagnostik, ein Behandlungsweg
Wenn Medizin zur Detektivarbeit wird

Komplexe Medizin im Fokus

Im klinischen Alltag gibt es immer wieder Fälle, in denen Beschwerden von Patientinnen und Patienten keiner eindeutigen Ursache zugeordnet werden können. Symptome bleiben oft unspezifisch, Untersuchungen werfen neue Fragen auf und der Verlauf ist schwer einzuordnen. Genau hier beginnt die anspruchsvolle Kunst der komplexen Diagnostik. Sie bedeutet, verborgene Zusammenhänge zu erkennen, wo auf den ersten Blick keine sichtbar sind, und verlangt Zeit, Erfahrung und die Bereitschaft, genau hinzuschauen - fast wie bei der Arbeit einer Detektivin oder eines Detektivs.

Gemeinsam dem Rätsel auf der Spur

Monatelang rätselten Fachpersonen über die unspezifischen Schmerzen von Rudolf F. Die gemeinsame Aufarbeitung dieses komplexen Falles führte auf Umwegen zur Diagnose.

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Rudolf F. geniesst heute wieder Zeit im Freien ohne grosse Beschwerden.
Diagnose: Morbus Cushing

Ariana R. litt unter einer Krankheit, die in Europa nur wenige Menschen betrifft. Es war eine Zeit, die körperlich und seelisch eine Achterbahnfahrt war. Lesen Sie hier ihre Geschichte.

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Licht ins Dunkle 

Im Bakterienschauer

Gelangen Bakterien in den Blutkreislauf, infizieren sie bevorzugt Implantate im Körper. Nicht nur in der Herzregion, sondern auch in Gelenken. Diese können lebensbedrohlich werden, wie im Fall einer 68-jährigen Patientin.

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Implantierter Defibrillator (ICD).

Detektivarbeit am Herzen

Plötzlich setzt ein starker Druck hinter dem Brustbein ein, der Schmerz strahlt in den linken Arm aus, kalter Schweiss tritt auf. Auf dem Notfall deutet alles auf einen Herzinfarkt hin. Doch Untersuchungen zeigen: Die Herzkranzgefässe sind offen. Die Spurensuche nach der Ursache beginnt.

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Seltene Krankheiten: Häufiger, als man denkt

Der neunjährige Leon gilt als heikel beim Essen. Wenn er isst, kaut er lange, meidet bestimmte Lebensmittel und trinkt viel nach. Die Suche nach der Diagnose beginnt.

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Wenn die MedPol ermittelt

Plötzlich hohes Fieber, Gliederschmerzen und starke Müdigkeit. Und das immer wieder in Schüben. die Hausärztin überweist den Fall an die Medizinische Poliklinik am KSA. Die Suche nach der Diagnose beginnt.

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Spezialisten aus dem Labor, der Infektiologie, der Nephrologie und der Rheumatologie bei der gemeinsamen Fallbesprechung

TRUE CASES

Komplexe Fälle, spannende Diagnosen – fünf Fachärztinnen und -ärzte erzählen reale Fallgeschichten aus ihrem Klinikalltag

  • Angefangen hat es mit Gesichtsschmerzen rund ums linke Auge. Ein Zahninfekt? Fehlanzeige. Eine Nebenhöhlenentzündung? Abschwellende Medikamente wirkten nicht. Plötzlich sieht die Patientin linksseitig doppelt. Dann fast nichts mehr. Das Auge schwillt an, ist plötzlich stark gerötet, schmerzt enorm. Im Notfall stellt man fest: Der Blutzucker ist viel zu hoch: Diabetes. Im Schichtröntgen zeigt sich eine Entzündung in der ganzen linken Gesichtshälfte. Für die Augen-, HNOund Infektionsärztinnen und -ärzte ist schnell klar: Das muss ein Schimmelpilz sein, wie wir ihn von der Konfitüre kennen: Auch der liebt Zucker – und seine Ausläufer sind schon überall, bevor wir es nur ahnen.  So auch bei dieser Patientin. Die Prognose ist miserabel, der Schimmelpilz (Rhizopus oryzae) resistent. Hier halfen nur rigorose Massnahmen: penible Zuckerkontrolle, viel Chirurgie und – Glück im Unglück – ein neuartiges Pilzmittel. Das Auge und befallene Knochen müssen entfernt werden. Und die Patientin? Stürzt sich dankbar wieder ins Leben, ihr fehlendes linkes Auge hinter einer Brille versteckt, auf die sie voller Schalk die Fotografie ihrer Pupille klebt, die sie aus einem Foto ausgeschnitten hat. Noch sieben Jahre kann sie so Enkel und Musik geniessen, bis sie, kurz bevor die Impfung verfügbar wird, an Covid verstirbt. Ich werde ihren Lebensmut und Witz nie vergessen.

    PD Dr. med. Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie und Infektionsprävention

  • Ein 20-jähriger Student suchte wegen immer wiederkehrendem Fieber (39 °C) und Nackenschmerzen seinen Hausarzt auf. Dieser überwies ihn nach eingehender Untersuchung mit Verdacht einer Immunschwäche in die medizinische Poliklinik des KSA. Klinisch zeigte sich eine leichte Schwellung am Hals. Die Laboruntersuchung ergab kaum Hinweise auf eine Infektion; Pfeiffersches Drüsenfieber und HIV wurden ausgeschlossen. Erst im Ultraschall zeigte sich das wahre Ausmass: Die Lymphknoten im Hals-Nackenbereich waren strukturell zerstört. Eine Biopsie-Entnahme in der HNO-Klinik und die Gewebeanalyse brachten die Diagnose: ein klassisches Hodgkin-Lymphom, aggressiv, aber gut behandelbar. Die nuklearmedizinische Untersuchung zeigte ein fortgeschrittenes Stadium. Sofort wurde eine Chemotherapie begonnen. Unter Kontrollen im onkologischen Ambulatorium darf von einer anhaltenden Heilung ausgegangen werden.

    Dr. med. Daniel Waitzmann, Oberarzt mbF Allgemeine Innere Medizin

  • Ein 50-jähriger Informatiker hatte bemerkt, dass seine Zähne im Oberkiefer zunehmend auseinanderwichen und der Ehering plötzlich nicht mehr passte. Er berichtete über häufige Schweissausbrüche. Wir äusserten den Verdacht auf eine Akromegalie: eine seltene Erkrankung, bei der die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zu viel Wachstumshormon produziert. Fast immer ist ein gutartiger Tumor dieser Drüse die Ursache. Die Überproduktion führt dazu, dass Knochen und Weichteile langsam weiterwachsen – auch wenn das normale Körperwachstum längst abgeschlossen ist. Der Verdacht auf eine Akromegalie bestätigte sich. Ein 3x2cm grosser Tumor der Hypophyse konnte durch unsere Neurochirurgie entfernt werden. Durch eine zusätzliche medikamentöse Therapie normalisierten sich die Hormonwerte. Das Fortschreiten der körperlichen Veränderungen konnte gestoppt werden. Bereits bestehende knöcherne Veränderungen blieben zwar bestehen, jedoch besserte sich die Weichteilschwellung. Es ist auch für uns immer wieder beeindruckend, dass eine lediglich kirschkerngrosse Drüse durch eine Fehlregulation den gesamten Körper aus dem Gleichgewicht bringen und so tiefgreifende körperliche Veränderungen bewirken kann.

    Dr. med. Anne Katrin Borm, Stv. Chefärztin Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus

  • Nach überstandenem Herzinfarkt gerät in der Reha das Herz aus dem Takt und rast plötzlich mit 150 Schlägen pro Minute. Auf den ersten Blick wird bei «breiten» Schlägen im EKG eine bösartige Rhythmusstörung aus den Herzkammern erwartet. Dies würde gut zum vergangenen Herzinfarkt passen. Eine Überwachung des Herzrhythmus am Monitor zeigte aber im Verlauf, dass stattdessen eine kreisende Erregung in den Vorkammern vorliegen musste. Das Herz wurde anschliessend bei laufender Rhythmusstörung mit Kathetern elektrisch vermessen. Erstaunlicherweise passte die Rhythmusstörung aber zu keiner der klassischen, kreisenden Erregungen in den Vorkammern. Schliesslich gab eine von fast 20 Begleitdiagnosen in der Krankenakte den entscheidenden Hinweis: Vor Jahrzehnten wurde ein angeborenes Loch in der Herzscheidewand vom Chirurgen verschlossen. Die Seitenwand des rechten Vorhofs wurde damals mit einem Schnitt eröffnet. Der Schnitt verheilte über die Jahrzehnte zu einer Narbe, die die Grundlage für die kreisende Rhythmusstörung bildete. Eine gezielte Verödung dort beendete die Rhythmusstörung nachhaltig.

    Dr. med. Tom Sasse, Oberarzt mbF Kardiologie

  • Begonnen hat bei dieser Patientin alles harmlos mit Husten und Fieber. Schnell zeigte sich mehr als ein einfacher Infekt. Im Ultraschall entdeckten wir Flüssigkeitsansammlungen am Herzbeutel und in der Lunge. Im Routinelabor dann der entscheidende Zufallsbefund: Die Nierenwerte der 53-Jährigen waren ungewöhnlich schlecht. Hinzu kamen Auffälligkeiten bei der mikroskopischen Untersuchung des Urins. Eine gezielte Laboranalyse bestätigte den Verdacht: Die Patientin litt an einer seltenen Autoimmunerkrankung, bei welcher Autoantikörper Nieren und Lunge angriffen. Eine Nierenbiopsie sicherte die Diagnose: Anti-GBM-Erkrankung. Es drohte ein Nierenversagen. Wir leiteten umgehend die Therapie ein, um die Organfunktion zu erhalten: Mit einer sogenannten Plasmapherese wurde das Blut von schädlichen Antikörpern befreit, parallel dämpften Medikamente das fehlgeleitete Immunsystem. Vorübergehend brauchte die Patientin eine Dialyse. Zum Glück sprach die Therapie an: die Antikörper sanken, die Nierenfunktion erholte sich, die Dialyse konnte beendet werden. Was als harmloser Husten begann, erwies sich als seltene Autoimmunerkrankung – und dank rascher Diagnose zur Geschichte mit gutem Ausgang.

    Dr. med. Manyola Völkle, Oberärztin Allgemeine Innere Medizin

Fragen und Antworten zur Diagnostik

Rund 70 Prozent aller medizinischen Entscheidungen stützen sich auf Laborresultate – von der Diagnose über die Therapie bis zur Verlaufskontrolle. Ausgewählte Beispiele zeigen, wie Laboranalysen in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachhbereichen auch komplexe medizinische Fragestellungen klären.

  • Wer einmal Nierensteine hatte, hat ein erhöhtes Risiko, erneut welche zu bekommen. Um die Ursache zu klären, wird ein entfernter Stein im Labor genau untersucht. Mittels Infrarot-Spektroskopie wird die chemische Zusammensetzung wie bspw. Kalziumoxalat oder Harnsäure bestimmt. Die Analyse zeigt, ob die Ursache in der Ernährung, einem Flüssigkeitsmangel oder einer Stoffwechselstörung liegt.

    Ziel der Untersuchung: Individuelle Prävention, mögliche Massnahmen wie Ernährungsumstellung.

  • Unerklärliche Entzündungen, Hautveränderungen oder Schmerzen können Anzeichen für eine Autoimmunerkrankung sein. Um dem nachzugehen, wird eine Blutprobe auf sogenannte Autoantikörper untersucht. Mithilfe spezieller Testverfahren werden Abwehrstoffe, die sich gegen körpereigene Zellbestandteile richten, sichtbar gemacht. Solche Befunde können wichtige Hinweise für die Diagnostik seltener Autoimmunerkrankungen liefern.

    Ziel der Untersuchung: Früherkennung und Grundlage für eine wirksame Therapie.

  • Auch nach einer erfolgreichen Behandlung können vereinzelt Tumorzellen im Körper verbleiben. Mit sehr empfindlichen Methoden – etwa durchflusszytometrischen oder molekularbiologischen Analysen – lassen sich selbst kleinste Mengen von Krebszellen nachweisen, zum Beispiel beim Multiplen Myelom. Moderne Verfahren sind so präzise, dass sie eine einzelne Tumorzelle unter bis zu einer Million anderen Zellen erkennen können. Solche Messungen zeigen, wie gut eine Therapie gewirkt hat und helfen bei der weiteren Behandlungsplanung.

    Ziel der Untersuchung: Tumorzellen erkennen und Therapie sowie Prognose besser einschätzen.

  • Wenn in einer Familie gehäuft Krebs auftritt oder in jungen Jahren diagnostiziert wird, kann eine genetische Abklärung sinnvoll sein. Im Labor wird dann eine Blutprobe mithilfe molekulargenetischer Analysen untersucht. Dabei kann unter anderem beispielsweise ein erblich erhöhtes Risiko für Brust- oder Eierstockkrebs bestimmt und eine entsprechende Vorsorge oder Behandlung gezielt geplant werden.

    Ziel der Untersuchung: Erbliche Risiken erkennen und Vorsorge sowie Therapie individuell ausrichten.

  • Bei Infektionen ist eine Resistenzprüfung entscheidend, um das passende Antibiotikum zu finden. Dazu werden die krankheitsverursachenden
    Keime aus unterschiedlichen Proben von Patientinnen und Patienten – zum Beispiel Blut, Urin oder Wundproben – im Labor vermehrt, identifiziert und auf ihre Antibiotikaresistenzen hin untersucht. Die Erreger werden dabei mit unterschiedlichen Antibiotika in Kontakt gebracht. Anhand sogenannter Hemmhöfe lässt sich erkennen, welche Wirkstoffe das Wachstum stoppen und gegen welche Resistenzen bestehen.

    Ziel der Untersuchung: Schnell ein wirksames Antibiotikum finden, um Patientinnen und Patienten gezielt zu behandeln.

Verblüffende Fakten über die Niere

  •    Fakt 1 Innert 5 Minuten fliesst unser gesamtes Blut durch die Nieren. Das sind 500 Liter pro Tag. Davon werden etwa 150 Liter filtriert. 
  •  Fakt 2 Rund 1 Million winzige Filterstationen arbeiten unermüdlich daran, das innere Gleichgewicht des Körpers zu sichern.
  • Fakt 3 Die Nieren von Babys arbeiten schon im Mutterleib. Der Embryo gibt seinen Urin ins Fruchtwasser ab und trinkt ihn dann stark verdünnt wieder.
  • Fakt 4 Rüttelnde Bewegungen können helfen, Nierensteine auszuscheiden. Dazu gehören Mountainbiken, Bungeejumping oder Sex.
  • Fakt 5 Die meisten der transplantierten Nieren beginnen sofort zu arbeiten – oft produzieren sie noch im OP-Saal ihren ersten Urin.
  • Fakt 6 Die Nieren von Wüstentieren gewinnen fast alles Wasser zurück – entsprechend dicht sind ihre Ausscheidungen. Der Urin von Kamelen etwa ist sirupartig.

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