Der Fall Rudolf F. – Gemeinsam dem Rätsel auf der Spur
18. Mai 2026
Monatelang rätselten Ärztinnen und Ärzte über die unspezifischen Beschwerden von Rudolf F. Erst die interdisziplinäre Aufarbeitung dieses komplexen Falles führte auf Umwegen zur Diagnose Vaskulitis – einer seltenen rheumatischen Autoimmunerkrankung.
- Fachperson Prof. Dr. med. Sabine Adler
- Lesedauer ca. 9 Minuten
Als Rudolf F. im vergangenen Frühjahr mit heftigem Schwindel in die Notaufnahme eingeliefert wird, scheint es zunächst ein isoliertes Ereignis zu sein. Herz, Gehirn und Kreislauf – alles wird geprüft, ohne Befund. Kurz darauf entwickelt er eine schwere Augenentzündung. Wenige Wochen später treten massive Innenohrprobleme auf, erneut Schwindel und zusätzlich Erbrechen. Schliesslich schwellen auch noch die Fussgelenke an, verfärben sich rot-violett, und Fieber kommt hinzu. «Es war eine Abwärtsspirale», erinnert sich Rudolf F. «Jedes Mal wurde ein Symptom behandelt, doch niemand konnte die Ursache meiner vielen gesundheitlichen Probleme herausfinden.»
Es stellt sich die Frage, ob allenfalls ein Problem des Immunsystems dahinterstecken könnte, sodass die Rheumatologie beigezogen wird. Die Spezialistinnen und Spezialisten sichten sämtliche Berichte aus Notaufnahme, Augenklinik und Radiologie und betrachten die Beschwerden im Gesamtzusammenhang. Eine gezielte Blutuntersuchung liefert schliesslich den entscheidenden Hinweis. Die Diagnose: PR3-ANCA-assoziierte Vaskulitis.
Was ist eine Vaskulitis – und was droht unbehandelt?
Eine Vaskulitis ist eine Entzündung der Blutgefässe. Da Blutgefässe alle Organe mit Blut versorgen, können die Symptome sehr vielfältig sein und sich beispielsweise an Augen, Ohren, Haut, Lunge oder Nieren zeigen. Diese seltene rheumatische Autoimmunerkrankung betrifft häufig mehrere Organsysteme gleichzeitig. Die Ursache ist eine fehlgeleitete Immunreaktion: Das Immunsystem greift dabei die eigenen Gefässwände an.
«Die Erkrankung kann sich über Jahre schleichend entwickeln, aber auch innerhalb weniger Wochen schwerwiegende Schäden verursachen», erklärt Prof. Dr. Sabine Adler, Chefärztin Rheumatologie und Immunologie am KSA. Durch die Entzündung verengen sich die Blutgefässe, was die Durchblutung beeinträchtigt. Infolgedessen werden die Organe schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was zu schweren Funktionsstörungen und dauerhaften Gewebeschäden führen kann.
Rheumatische Erkrankungen betreffen nicht nur Knochen und Gelenke. Viele sind Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift – etwa Gefässe, Haut oder innere Organe. Vaskulitis zählt zu diesen systemischen Entzündungskrankheiten.
Warum die Diagnose so schwierig ist
Entzündungen der Blutgefässe sind selten und beginnen häufig mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Müdigkeit oder einzelnen Organbeschwerden. «Bei einer Augen- oder Ohrenentzündung denkt man nicht sofort an eine systemische Autoimmunerkrankung », erläutert Adler.
Bildgebende Verfahren und Laboruntersuchungen liefern zwar wichtige Hinweise, doch es gibt keinen einzelnen Befund, der die Diagnose eindeutig bestätigt. Der Nachweis von bestimmten Antikörpern im Blut ist ein bedeutendes Indiz. Entscheidend ist jedoch die Gesamtschau aller Befunde. «Man muss die verschiedenen Organsysteme gemeinsam betrachten und die Zusammenhänge erkennen», betont Adler. Aus diesem Grund ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung.
Therapie und heutiger Stand
Nach der Diagnose beginnt für Rudolf F. die Behandlung mit hoch dosiertem Kortison. Dieses Medikament hemmt die überschiessende Immunreaktion und reduziert die Entzündung. Je nach Erkrankungsform, Organbefall und Verlauf werden zusätzlich gezielt immunhemmende Medikamente eingesetzt. «Schon nach der ersten Behandlung ging es mir deutlich besser», erinnert er sich. «Ich konnte wieder sicher gehen. Das war ein unglaubliches Gefühl.»
Die Therapie von Vaskulitis erstreckt sich in der Regel über mehrere Jahre und erfordert regelmässige Kontrollen. Ziel ist es, die Erkrankung langfristig unter Kontrolle zu bringen und Rückfälle frühzeitig zu erkennen. Heute sind die Entzündungswerte von Rudolf F. stabil und die Beschwerden weitgehend zurückgegangen, doch der Behandlungsweg ist noch lang.
Auch wenn eine Vaskulitis nicht heilbar ist, lässt sie sich heute meist gut kontrollieren. Wichtig sind regelmässige Kontrollen über Jahre hinweg. Bewegung, gezielte Physiotherapie und psychologische Unterstützung helfen zusätzlich, mit der chronischen Erkrankung umzugehen.
Wenn Medizin zur Detektivarbeit wird
Im klinischen Alltag gibt es immer wieder Fälle, in denen Beschwerden von Patientinnen und Patienten keiner eindeutigen Ursache zugeordnet werden können. Symptome bleiben oft unspezifisch, Untersuchungen werfen neue Fragen auf und der Verlauf ist schwer einzuordnen. Genau hier beginnt die anspruchsvolle Kunst der komplexen Diagnostik. Sie bedeutet, verborgene Zusammenhänge zu erkennen, wo auf den ersten Blick keine sichtbar sind, und verlangt Zeit, Erfahrung und die Bereitschaft, genau hinzuschauen – fast wie bei der Arbeit einer Detektivin oder eines Detektivs.
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