Detektivarbeit am Herzen
18. Mai 2026
Plötzlich setzt ein starker Druck hinter dem Brustbein ein, der Schmerz strahlt in den linken Arm aus, kalter Schweiss tritt auf. Auf dem Notfall deutet alles auf einen Herzinfarkt hin. Doch Untersuchungen zeigen: Die Herzkranzgefässe sind offen. Fachleute sprechen in solchen Fällen von MINOCA, einem Herzinfarkt ohne relevante Gefässverengung. Die Suche nach der Ursache beginnt.
- Fachperson Dr. med. Olaf Franzen PD Dr. med. Tobias Fuchs Dr. med. Florian Riede
- Lesedauer ca. 8 Minuten
Typische Herzinfarktsymptome führen viele Patientinnen und Patienten direkt auf den Notfall. Ein EKG und eine Blutuntersuchung liefern meist rasch Hinweise. Ist der Herzmarker Troponin erhöht, zeigt dies, dass Herzmuskelzellen geschädigt worden sind. Dies ist ein möglicher Hinweis auf einen Herzinfarkt. Bei Verdacht auf Herzinfarkt erhalten Betroffene sofort blutverdünnende Medikamente. «Auch wenn sich die Beschwerden bessern, ist für uns klar, dass wir die Ursache weiter abklären», erklärt Dr. med. Olaf Franzen, Leitender Arzt Interventionelle Kardiologie am KSA.
In der Regel folgt zunächst ein Ultraschall des Herzens. Dieser zeigt, wie gut der Herzmuskel pumpt und ob einzelne Bereiche eingeschränkt arbeiten. Anschliessend erfolgt gegebenenfalls eine Koronarangiografie. Dabei werden die Herzkranzgefässe mit Kontrastmittel dargestellt, um Engstellen oder Verschlüsse sichtbar zu machen. Doch es ergibt sich ein überraschender Befund: Die Gefässe sind frei durchgängig, es findet sich keine relevante Verengung. Das ist untypisch für einen klassischen Herzinfarkt. Ist es ein Fall von MINOCA?
Vom Puzzle zum Bild der Diagnose
MINOCA steht für Myocardial Infarction with Non-Obstructive Coronary Arteries. Klingt kompliziert? Ist es auch. «Der Begriff beschreibt eher eine Situation und nicht eine spezifische Erkrankung», so Olaf Franzen. Es ist vielmehr der Ausgangspunkt einer vertieften Abklärung, um das Puzzle zusammenzusetzen. Wenn der für einen Herzinfarkt typische Gefässverschluss ausbleibt, gilt es, den Ursachen auf den Grund zu gehen.
Damit beginnt die Detektivarbeit. Denn trotz unauffälliger Gefässe hat der Herzmuskel Schaden genommen. Eine zentrale Rolle bei den weiteren Untersuchungen spielt die Magnetresonanztomografie (MRT) des Herzens. Sie erlaubt einen detaillierten Blick auf das Herzgewebe. «Im MRT sehen wir typische Muster, die uns helfen, zu unterscheiden, ob ein Herzinfarkt, eine Entzündung des Herzmuskels oder ein anderes Krankheitsbild vorliegt», sagt Tobias Fuchs, Stv. Chefarzt und Leiter Kardiale Bildgebung. Entscheidend ist, den Mechanismus hinter dem Herzinfarkt möglichst genau zu verstehen.
In der Schweiz erleiden jedes Jahr rund 15'000–20'000 Menschen einen Herzinfarkt. Etwa sechs Prozent davon sind sogenannte MINOCA-Fälle, also Herzinfarkte ohne relevante erkennbare Verengung der Herzkranzgefässe. Frauen unter 50 Jahren sind häufiger betroffen als Männer.
Viele mögliche Ursachen – richtig behandeln
Ein Beispiel für MINOCA ist die vorübergehende Verlegung eines Herzkranzgefässes durch ein kleines Blutgerinnsel, etwa über ein dauerhaftes Foramen ovale (PFO). Dabei handelt es sich um eine natürliche Öffnung in der Herzscheidewand, die sich nach der Geburt bei rund jedem vierten Menschen nicht vollständig schliesst, aber in der Regel keine Beschwerden verursacht. In seltenen Fällen kann ein kleines Blutgerinnsel, etwa von den Beinvenen her, ein Herzkranzgefäss vorübergehend schliessen und sich später wieder auflösen. Bei der Herzkatheter-Untersuchung ist das Gefäss wieder offen, der Schaden am Herzmuskel ist jedoch entstanden.
Wie weiter? Bei einem PFO will man das Risiko eines neuen Gerinnsels mittels Blutverdünnern verhindern. «Gemeinsam mit der betroffenen Person besprechen wir zudem einen Verschluss des PFO», so Florian Riede, Leitender Arzt Interventionelle Kardiologie. Dabei wird bei einem Eingriff ein sogenannter Schirmchenverschluss am Herzen angebracht.
Seltene Ursachen zu erkennen, ist wichtig
Herzinfarkt ist nicht gleich Herzinfarkt. Moderne Bildgebung und spezialisierte kardiologische Expertise ermöglichen es heute, auch seltene Ursachen zu erkennen und für Betroffene den passenden Behandlungsweg zu finden. Dieser richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Präventiv können Betroffene nur begrenzt etwas tun – nämlich Risikofaktoren vermeiden und einen gesunden Lebensstil pflegen. Die Prognose ist in vielen MINOCA-Fällen besser als nach einem klassischen Herzinfarkt.
Wenn Medizin zur Detektivarbeit wird
Im klinischen Alltag gibt es immer wieder Fälle, in denen Beschwerden von Patientinnen und Patienten keiner eindeutigen Ursache zugeordnet werden können. Symptome bleiben oft unspezifisch, Untersuchungen werfen neue Fragen auf und der Verlauf ist schwer einzuordnen. Genau hier beginnt die anspruchsvolle Kunst der komplexen Diagnostik. Sie bedeutet, verborgene Zusammenhänge zu erkennen, wo auf den ersten Blick keine sichtbar sind, und verlangt Zeit, Erfahrung und die Bereitschaft, genau hinzuschauen – fast wie bei der Arbeit einer Detektivin oder eines Detektivs.
Auf komplexmedizin.ksa.ch finden Sie spannende Einblicke in aussergewöhnliche und komplexe Fälle, Zahlen und Geschichten rund um seltene Krankheiten, Einblicke in die Welt der Labormedizin und vieles mehr.