Morbus Cushing: Wenn Stresshormone krank machen
18. Mai 2026
Vor vier Jahren wurde das Leben von Ariana R. auf den Kopf gestellt. Die damals 24-Jährige erkrankte an Morbus Cushing – einer seltenen Krankheit, die in Europa nur wenige Menschen trifft. Ein gutartiger Tumor in der Hirnanhangdrüse überschwemmt den Körper mit dem Stresshormon Cortisol.
- Fachperson Dr. med. Joel Capraro
- Lesedauer ca. 8 Minuten
Die Erkrankung stellte das Leben von Ariana R. komplett auf den Kopf. Im Interview spricht sie über die körperlichen und emotionalen Herausforderungen dieser Zeit.
Ariana, welche Beschwerden haben sich im Juni 2022 bei dir gezeigt?
Ich habe in relativ kurzer Zeit viel zugenommen. Dazu kamen starkes Schwitzen, Wasserablagerungen im Körper, schlechter Schlaf sowie Schmerzen in Beinen und Füssen. Mein Gesicht war zu einem Vollmondgesicht aufgedunsen und ich hatte auch einen Stiernacken.
Welche Abklärungen hat man am KSA bei dir gemacht?
Beim ersten Besuch erhielt ich Entwässerungstabletten auf dem Notfall. Nachdem sich keine Besserung einstellte, gingen sie dem Problem genauer auf die Spur. Es folgten Blut- und Urintests, MRT-Untersuchungen und Röntgenaufnahmen. Bis zur Diagnose erhielt ich Medikamente, die meine Symptome unterdrückten.
Was ging dir durch den Kopf, als du die Diagnose Morbus Cushing erhieltst?
Im ersten Moment dachte ich nicht an die Seltenheit der Erkrankung, sondern: Jetzt hast du einen «Hirntumor». Ich bangte, dass ich heil aus dieser Situation komme. Von Google habe ich damals die Finger gelassen, aus Angst, nur das Negative zu lesen. Im Spital habe ich aber anhand von Reaktionen gemerkt, dass mein Fall besonders sein muss.
Morbus Cushing Beim Morbus Cushing ist ein Tumor in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) für einen zu hohen Cortisolspiegel verantwortlich. Der Tumor produziert unkontrolliert zu viel des Hormons ACTH. Dieses wiederum sorgt dafür, dass die Nebenniere ständig und autonom zu viel des Stresshormons Cortisol bildet. Symptome sind u. a. Vollmondgesicht, Stiernacken, Gewichtszunahme, Ödeme und Pergamenthaut. Pro Jahr erkranken in Europa zwei bis drei von einer Million Menschen, Frauen häufiger als Männer.
Du hast Katzen und die haben gespürt, dass etwas nicht stimmt. Was hat es damit auf sich?
Für meine drei Katzen bin ich normalerweise nur der Dosenöffner, sie sind alles andere als verschmust. Noch bevor ich die ersten Symptome hatte, fingen plötzlich alle drei an, in der Nähe meines Kopfes zu schlafen. Ausserdem haben sie mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Das fand ich komisch. Mein Arzt hat mir bestätigt, dass die Tiere eine Erkrankung riechen.
Im Dezember 2022 wurde der Tumor entfernt. Der Eingriff am Gehirn erfolgte durch die Nase. Wie war das für dich?
Zuvor hatte ich selten Angst. Für mich hatte alles einen Grund und es kommt, wie es kommt. Aber vor dieser Operation hatte ich unfassbare Angst. Zum Glück war sie unbegründet. Ich war überrascht, wie schnell ich wieder auf den Beinen war. Nach vier Tagen durfte ich bereits nach Hause. Auch die Medikamente konnte ich früher absetzen als geplant.
Der Tumor von Ariana R. wurde am KSA minimalinvasiv über die Nase entfernt. Wie solche Eingriffe ablaufen und welche Beschwerden Hypophysentumoren verursachen können, erklärt Prof. Dr. med. Lukas Andereggen, Leitender Arzt Neurochirurgie und Leiter der Hypophysenchirurgie am KSA, im Blogbeitrag zur Hypophysenchirurgie.
Nach der Operation hast du innerhalb kurzer Zeit stark abgenommen. Wie hast du diese Veränderung erlebt?
Cortisol schwemmt auf, und davon hatte ich sehr viel im Körper. Nach der Operation ging es Knall auf Fall. Innerhalb von drei, vier Wochen habe ich von 90 auf 56 kg abgenommen, da kommt der Kopf nicht mehr mit.
Durch die OP produzierte die Nebenniere vorübergehend keine Hormone mehr und du musstest das einnehmen, was dich zuvor krank gemacht hat. Wie war diese Zeit für dich?
Für mich war es paradox, etwas einzunehmen, das mich vorher krank gemacht hat. Schlimmer waren aber nach der Operation die Folgeerkrankungen wie z. B. Addison, die durch eine Unterfunktion der Nebennierenrinde entsteht. Dadurch produzierte mein Körper zu wenig vom Stresshormon Cortisol. Wenn dieses Hormon fehlt, kann das lebensbedrohlich werden. Wegen Erbrechen konnte mein Körper einmal die Tabletten nicht aufnehmen und ich musste auf den Notfall.
Du gehst regelmässig in Nachkontrollen. Mit welchem Gefühl gehst du hin?
Obwohl ich wieder arbeite und mitten im Leben stehe, werde ich etwa einen Monat vor dem Termin nervös. Das legt sich, sobald ich weiss, dass alles in Ordnung ist. Und ich werde am KSA, vor allem auch von meinem Arzt, Joël Capraro, gut betreut und fühle mich aufgehoben.
Krankengeschichte von Ariana R.
- Vor 2022
Ariana R. nimmt bewusst Gewicht ab. - Juni 2022
Ariana R. kommt mit starken Wassereinlagerungen in den Beinen und rascher Gewichtszunahme in die Sprechstunde. Die Untersuchung zeigt Hinweise auf eine mögliche Überproduktion des Hormons Cortisol. Allerdings müssen auch andere Ursachen abgeklärt werden. - Juli 2022
Andere Ursachen für die Beschwerden werden nicht gefunden, aber Hormonabklärungen zeigen: In einer 24-Stunden- Urinsammlung wird zu viel Cortisol nachgewiesen, auch nachts bleibt der Spiegel erhöht und lässt sich durch Medikamente nicht unterdrücken. Gleichzeitig ist das Hormon ACTH erhöht. Ein Hinweis darauf, dass die Ursache in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) liegen könnte. - August 2022
Eine MRT-Untersuchung zeigt ein kleines Adenom (gutartige Geschwulst) der Hypophyse als mögliche Ursache der Hormonstörung. - November 2022
Eine Spezialuntersuchung der Hirnvenen (Sinus-Petrosus-Sampling) durch die Neuroradiologie bestätigt: Der ACTHÜberschuss stammt aus der Hypophyse. - 20. Dezember 2022
Der Tumor wird durch die Neurochirurgie minimalinvasiv über die Nase entfernt. Die Gewebeuntersuchung durch die Pathologie bestätigt ein ACTH-produzierendes Hypophysen- adenom. - Anfang 2023
Nach der Operation produziert der Körper vorübergehend zu wenig Cortisol. Ariana R. nimmt das Hormon in Tablettenform zu sich. - Heute
Ariana R. benötigt keine Medikamente mehr. Es erfolgen jährliche Kontrollen.
Wenn Medizin zur Detektivarbeit wird
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