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    Hypophysenchirurgie: Wenn eine kleine Drüse den ganzen Körper beeinflusst

    18. Mai 2026

    Von hormonellen Veränderungen bis hin zu Sehstörungen: Erkrankungen der Hypophyse zeigen sich oft unspezifisch und sind nicht immer leicht zu erkennen. Wie die Diagnostik funktioniert, wann eine Operation nötig ist und warum heute meist ein schonender Eingriff über die Nase möglich ist.

    • Fachperson Prof. Dr. med. Lukas Andereggen
    • Lesedauer ca. 7 Minuten
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    Sie ist kaum grösser als eine Erbse und steuert dennoch die zentralen Funktionen des Körpers: Wachstum, Stoffwechsel, Fortpflanzung sowie die Stressreaktion. Die Hypophyse, die Hirnanhangsdrüse an der Basis des Gehirns, reguliert den Hormonhaushalt des gesamten Körpers. Kommt sie aus dem Gleichgewicht, kann dies den gesamten Organismus beeinträchtigen. Häufig steckt ein Hypophysenadenom dahinter – ein meist gutartiger Tumor, der jedoch ernsthafte Beschwerden verursachen kann.

    Hypophysentumoren gehören zu den häufigeren Hirntumoren. Manche bilden Hormone, andere nicht. Kleine Tumoren machen oft lange keine Beschwerden und werden manchmal zufällig entdeckt. Grössere oder hormonaktive Tumoren können hingegen den Hormonhaushalt stören oder durch Druck auf benachbarte Strukturen Kopfschmerzen und Sehstörungen verursachen. Selten kommt es zu einer plötzlichen Einblutung in den Tumor.

    Beschwerden können sehr unterschiedlich sein

    Die auftretenden Symptome hängen massgeblich davon ab, ob und welche Hormone der Tumor produziert. Viele Hypophysenadenome sind hormonaktiv. Am häufigsten sind Prolaktinome. Diese Tumoren führen dazu, dass der Körper zu viel Prolaktin bildet. Bei Frauen fällt das oft früher auf, zum Beispiel durch Zyklusstörungen oder Milchfluss ausserhalb der Stillzeit. Bei Männern bleiben Beschwerden wie Libidoverlust oder Müdigkeit dagegen oft länger unbemerkt.

    Zu den hormonaktiven, oft sehr kleinen Hypophysentumoren gehören auch Tumoren, die einen Morbus Cushing auslösen können. Dabei produziert der Körper dauerhaft zu viel Cortisol. Weil sich die Beschwerden langsam entwickeln und anfangs unspezifisch sein können, ist die Diagnose nicht immer einfach. Auch hormoninaktive Tumoren werden häufig erst bemerkt, wenn sie durch ihr Wachstum Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Sehstörungen verursachen. «Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein und entwickeln sich oft schleichend», sagt Prof. Dr. med. Lukas Andereggen, Leitender Arzt Neurochirurgie und Leiter der Hypophysenchirurgie am Kantonsspital Aarau (KSA). Deshalb ist eine sorgfältige und umfassende Abklärung besonders wichtig.

    Präzise Diagnostik, enge Zusammenarbeit

    Die Diagnose erfolgt in der Regel mittels Magnetresonanztomografie (MRI) des Kopfes sowie einer hormonellen Untersuchung. Je nach Fragestellung werden zusätzlich Blut-, Urin- oder Speicheltests durchgeführt. Bei Sehstörungen erfolgen auch augenärztliche Untersuchungen. Für die Darstellung der Hypophyse braucht es hochauflösende MRI-Untersuchungen mit sehr feinen Schichtaufnahmen, weil es sich um eine sehr kleine Struktur handelt, so Andereggen. Am KSA werden Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf eine Hypophysenerkrankung interdisziplinär betreut. Beteiligt sind unter anderem die Fachbereiche Endokrinologie und Neuroradiologie sowie die Augenklinik und die Klinik für Neurochirurgie. Einmal pro Monat besprechen diese Fachbereiche die aktuellen Fälle im Hypophysenboard. Dort wird festgelegt, welche Behandlung im Einzelfall am sinnvollsten ist.

    Nicht jedes Hypophysenadenom erfordert eine Operation. Die Wahl der Therapie hängt von Tumorart, Hormonaktivität, Lage und Beschwerden ab. Je nach Befund kommen Beobachtung, medikamentöse Therapie, Operation oder Bestrahlung – auch in Kombination – infrage.

    Anschauliche Patientenaufklärung: 3D-Modell und VR helfen, Diagnose und Behandlung besser zu verstehen.
    Anschauliche Patientenaufklärung: 3D-Modell und VR helfen, Diagnose und Behandlung besser zu verstehen.

    Meist erfolgt der Eingriff über die Nase

    Heute werden laut Andereggen die grosse Mehrheit der Hypophysentumoren über die Nase operiert. Dieser minimalinvasive Zugang ist seit Langem etabliert, wurde aber unter anderem durch die Endoskopie weiter verfeinert. Dabei kommt eine schmale Kamera zum Einsatz, die auch in dem engen Operationsgebiet verschiedene Blickwinkel ermöglicht. «So kann man mit maximaler Sicherheit die bestmögliche Tumorkontrolle erreichen», erklärt Andereggen. Nur in sehr seltenen Fällen, beispielsweise bei sehr grossen oder ungünstig gelegenen Tumoren, ist ein anderer Zugangsweg erforderlich.

    Gute Erfolgsaussichten, aber sorgfältige Nachbetreuung

    Der Eingriff selbst weist laut Andereggen sehr gute Erfolgsaussichten auf. Die Tumoren sind fast immer gutartig und lassen sich oft gut abgrenzen. Von aussen sieht man den Patientinnen und Patienten nicht an, dass sie operiert wurden. Entscheidend für den Erfolg der Behandlung ist anschliessend der Verlauf der Hormonfunktion. Je nachdem, ob der Tumor Hormone produziert hat oder nicht, muss sich der Hormonhaushalt möglicherweise erholen oder es ist eine Hormonersatztherapie erforderlich. Nach dem Eingriff können eine trockene Nasenhöhle, Krustenbildung oder selten vorübergehende Beeinträchtigungen des Geruchssinns auftreten. Zu den seltenen Risiken zählt insbesondere das Austreten von Hirnflüssigkeit durch die Nase. In diesem Fall kann ein zweiter Eingriff notwendig sein, um die betroffene Stelle zu verschliessen. Schwere Komplikationen wie Sehstörungen, Hirnblutungen oder Schlaganfälle sind Raritäten.

    Neurochirurg Prof. Lukas Andereggen vereint klinische Erfahrung und Forschung in der Behandlung von Hypophysenerkrankungen.
    Neurochirurg Prof. Lukas Andereggen vereint klinische Erfahrung und Forschung in der Behandlung von Hypophysenerkrankungen.

    Wenn kleine Eingriffe Grosses bewirken

    Ob Operation oder medikamentöse Therapie: Die richtige Behandlung hängt von vielen Faktoren ab. Neurochirurg Prof. Dr. Lukas Andereggen erklärt, wie solche Entscheidungen getroffen werden und was die Forschung dazu beiträgt.

    Was fasziniert Sie an der Hypophysenchirurgie besonders?

    Prof. Dr. Lukas Andereggen: Das Gebiet ist sehr vielschichtig und stark interdisziplinär. Die Abklärung ist anspruchsvoll und der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen besonders wichtig, weil die Symptome sehr unterschiedlich sein und sich schleichend entwickeln können. Besonders eindrücklich ist der Behandlungserfolg: Mit einem relativ kurzen Eingriff können wir Patientinnen und Patienten in vielen Fällen langfristig heilen oder das Sehvermögen deutlich verbessern.

    Welche Rolle spielt die Forschung in diesem Bereich?

    Eine sehr grosse. Gemeinsam mit Partnerinstitutionen haben wir in den letzten Jahren zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zu Hypophysentumoren veröffentlicht. Im Zentrum stehen dabei Langzeitverläufe und die Frage, welche Patientinnen und Patienten langfristig von welcher Therapie am meisten profitieren.

    Was waren bisher die wichtigsten Forschungsergebnisse?

    Ein zentrales Ergebnis unserer Forschung ist, dass Therapieentscheide bei Hypophysenerkrankungen sehr individuell getroffen werden müssen. Beim Morbus Cushing zeigt sich, wie entscheidend eine präzise, teils auch invasive Diagnostik für den Behandlungserfolg ist. Bei Prolaktinomen machen unsere Arbeiten deutlich, dass langfristig gute Ergebnisse eine sehr sorgfältige Auswahl erfordern – also die Frage, wer eher von einer Operation und wer eher von einer medikamentösen Therapie profitiert. Darüber hinaus konnten wir in den letzten Jahren mit 3D-Modellen die Aufklärung über die Erkrankung verbessern und das Verständnis der Patientinnen und Patienten für den geplanten Eingriff weiter stärken.

    Morbus Cushing: Wenn Stresshormone krank machen

    Patientengeschichte von Ariana R.

    Wie sich eine Hypophysenerkrankung konkret anfühlen kann, zeigt die Geschichte von Ariana R. Vor vier Jahren wurde ihr Leben auf den Kopf gestellt: Mit nur 24 Jahren erhielt sie die Diagnose Morbus Cushing – ausgelöst durch einen gutartigen Tumor der Hirnanhangdrüse, der ihren Körper mit dem Stresshormon Cortisol überschwemmte. Was folgte, war eine körperlich und seelisch herausfordernde Zeit. Im Interview erzählt Ariana R., wie sie die Krankheit erlebt hat und wie es ihr heute geht.

    Zum Interview