Ein Tumor namens «Karlheinz»
29. Oktober 2026
Nach einem Hörsturz erhielt Irene B. eine unerwartete Diagnose: Bei ihr wurde ein gutartiger Hirntumor entdeckt. Aufgrund seiner Grösse musste dieser zunächst operiert werden. Später folgte eine radiochirurgische Behandlung in Form einer hochpräzisen Bestrahlung ohne Schnitt.
- Fachperson Dr. med. Judith Weiland Dr. med. Christian Musahl
- Lesedauer ca. 5 Minuten
- Themen Forschung und Innovation
Begonnen hatte alles mit einem Hörsturz. Irene B. hörte rechts plötzlich schlechter, nahm ein Rauschen wahr und litt zeitweise unter Schwindel. Kortison linderte die Beschwerden zwar, ganz verschwanden sie jedoch nicht. Ihr HNO-Arzt veranlasste deshalb ein MRT (Magnetresonanztomografie).
Im Juni vor einem Jahr folgte dann der Schock. «Wir haben da etwas entdeckt», sagte der Arzt von Irene B. Die Aufnahme zeigte einen rund drei Zentimeter grossen Tumor. «Das Wort Tumor zog mir augenblicklich den Boden unter den Füssen weg», erinnert sich Irene B. Noch wusste sie allerdings nicht, ob der Tumor gut- oder bösartig war.
Nach zwei langen Wochen des Wartens lautete die Diagnose Vestibularisschwannom, auch Akustikusneurinom genannt. Der gutartige Tumor entsteht am Hör- und Gleichgewichtsnerv, wächst meist langsam und streut nicht. Wird er grösser, kann er jedoch auf Kleinhirn und Hirnstamm drücken, erklärt Neurochirurgin Dr. med. Judith Weiland.
Operieren, aber nicht um jeden Preis
Bei Irene B. war der Tumor vom inneren Gehörgang in Richtung Gehirn gewachsen und hatte bereits Kontakt zu Kleinhirn und Hirnstamm. Dem interdisziplinären Tumorboard des KSA war klar: Zum Beobachten oder für eine alleinige Bestrahlung war der Tumor bereits zu gross. Der Entschluss für eine OP wurde gefällt. «Kleine Tumoren lassen sich gut bestrahlen. Grosse könnten dabei zunächst anschwellen – im engen Schädel wäre das riskant», erklärt Weiland.
Während der Operation überwachte das Team laufend den Gesichtsnerv. Weil dieser durch den Tumor verlief, liess Neurochirurg Dr. med. Christian Musahl bewusst einen Rest zurück, um eine Gesichtslähmung zu verhindern. Mit Erfolg. Nach der Operation zeigte Irene B. keinerlei solcher Anzeichen. Das Hörvermögen rechts ging jedoch fast vollständig verloren.
Eine «Operation» ohne Schnitt
Drei Monate später zeigte das MRT einen deutlich kleineren Resttumor. Da dieser künftig jedoch wieder wachsen könnte, hat das Tumorboard eine radiochirurgische Behandlung empfohlen.
Trotz des Namens ist die Radiochirurgie keine Operation. Anders als bei einer herkömmlichen Strahlentherapie erhält der Tumor in einer einzigen Sitzung eine hohe, präzise gezielte Strahlendosis. Bewegliche Blenden passen das Strahlenfeld an die dreidimensionale Form des Tumors an. So soll das umliegende Gewebe möglichst geschont werden. Der Tumor muss danach nicht verschwinden. «Erfolgreich heisst für uns schon, dass der Tumor nicht mehr weiterwächst», sagt Weiland. Er kann noch Jahrzehnte im MRT sichtbar bleiben.
Millimeterarbeit vor der Bestrahlung
Die eigentliche Bestrahlung dauerte nur rund eine Minute während einer Sitzung von insgesamt 30 Minuten. Zuvor musste jedoch exakt festgelegt werden, welche Bereiche bestrahlt und welche geschont werden sollten. Ein hochauflösendes MRT erfasste den Tumor, ein zusätzliches CT lieferte die Grundlage für die Berechnungen. Neurochirurgie und Radioonkologie bestimmten gemeinsam den Zielbereich, Medizinphysikerinnen planten die Bestrahlung.
Damit Irene B. während der Behandlung keinen Millimeter verrutschte, wurde ihr Kopf mit einer eigens angefertigten Kunststoffmaske fixiert. Die Enge empfand sie zunächst als beklemmend. Über die Sprechanlage blieb das Team mit ihr in Kontakt. Von der Strahlung selbst bemerkte sie nichts: «Es war absolut schmerzlos.»
Leben nach der Behandlung
Operation und Bestrahlung liegen nun hinter Irene B. Der Hörverlust begleitete sie anfangs noch stärker im Alltag. Weil sie rechts praktisch taub ist, konnte sie Geräusche nicht mehr gut räumlich zuordnen. Hierbei hat ihr ein Bi-Cros-Hörgerät geholfen, das den Schall von der nicht-hörenden zur hörenden Seite überträgt. Das Dreidimensionale Richtungshören ist zwar nicht vollständig vorhanden, aber sie kann damit Geräusche von allen Seiten mit dem gesunden Ohr aufnehmen. Laute Umgebungen bereiten trotzdem noch Schwierigkeiten. In den Monaten nach der Radiochirurgie fühlte sich Irene B. zeitweise etwas müder und wetterfühliger. In der Verlaufskontrolle berichtet sie, dass sie sich mittlerweile wieder sehr gut fühlt und bis auf die Hörminderung und Gleichgewichtsprobleme keine Einschränkungen hat.
Das erste Kontroll-MRT nach der Bestrahlung zeigt einen positiven Befund: Der Tumor ist nicht weitergewachsen. Die Chancen stehen gut, dass er auch langfristig nicht weiterwachsen wird. Auch wenn regelmässige MRT-Kontrollen weiterhin notwendig sind, blickt Irene B. zuversichtlich nach vorn. Ihren Tumor nennt die 55-Jährige «Karlheinz». Dies half ihr, ihn zu akzeptieren und die Kontrolle zurückzugewinnen. Nun hofft sie, dass «Karlheinz» endgültig aufgegeben hat.
Das Zentrum für Stereotaxie und Radiochirurgie am KSA bietet Hochpräzisionsbestrahlungen mit modernster Technologie an. Behandelt werden unter anderem gutartige und bösartige Tumoren sowie weitere Erkrankungen wie Gefässfehlbildungen im Gehirn. Im Zentrum für Stereotaxie und Radiochirurgie arbeiten die Klinik für Radio-Onkologie und die Klinik für Neurochirurgie interdisziplinär zusammen. Betroffene profitieren dabei von einem eingespielten Team über die gesamte Behandlung hinweg. Die Ansprechpersonen für Radiochirurgie in der Neurochirurgie am KSA sind Dr. med. Christian Musahl, Stv. Chefarzt und Leiter Hirntumorzentrum, Dr. med. Judith Weiland, Oberärztin und PD Dr. med. Miriam Weiss, Oberärztin.