Die Schattenseite der Schokolade
30. März 2026
Viele Menschen essen aus Stress, Langeweile oder Einsamkeit. Beim emotionalen Essen greifen wir oft zu kalorienreichen Lebensmitteln, die kurzfristig trösten, langfristig jedoch Übergewicht begünstigen und der Gesundheit schaden können. Warum fällt der Verzicht so schwer und wie kann medizinisches Wissen dabei helfen, gesündere Strategien zu entwickeln?
- Fachperson Katrin Haas
- Lesedauer ca. 10 Minuten
«Hast du einen anstrengenden Tag hinter dir? Dann gönn dir ein Stück Schokolade. Liebeskummer? Leg dich mit der Packung Eis aufs Sofa.» Szenen wie diese sind uns allen aus Film und Werbung bekannt. Was oft harmlos und normal erscheint, sollte laut Dr. med. Annic Baumgartner kritisch betrachtet werden. Die Fachärztin für Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus steht täglich mit Menschen im Austausch, die unter Übergewicht leiden.
Wie emotionales Essen entsteht und was dabei im Körper passiert
Greift man bei Stress zu einem Schokoriegel, fühlt man sich tatsächlich kurzfristig besser. Zucker liefert schnell verfügbare Energie und aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn. Dabei werden Endorphine ausgeschüttet, die als Botenstoffe mit Motivation und kurzfristigem Wohlbefinden verbunden sind. Emotionales Essen kann auch eine gewisse Dumpfheit auslösen, vergleichbar mit dem Konsum von Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen. Gefühle werden kurzzeitig gedämpft, Probleme rücken in den Hintergrund, innere Unruhe wird abgeschwächt. In der Sprechstunde von Annic Baumgartner berichten viele Patientinnen und Patienten von diesem Phänomen.
Ob und wie stark Menschen Essen zur Regulation von Gefühlen nutzen, kann einerseits durch erlerntes Verhalten entstanden sein, hat aber höchstwahrscheinlich auch eine genetische Komponente. Neue Studien bestätigen: Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer genetischen Voraussetzungen aufgrund von starken Gefühlen essen. Bei diesen Personen wirkt Essen, insbesondere zucker- oder fetthaltige Nahrungsmittel, überdurchschnittlich stark beruhigend oder belohnend. «Diese Erkenntnis ist neu», erklärt Baumgartner. «Und sie hilft uns in der Therapie. Denn diese Menschen haben nicht einfach eine fehlende Disziplin, wie oft vermutet wird. In diesen Fällen greift das Hirn schneller auf Essen als Regulationsstrategie zurück. Es fällt ihnen viel schwerer, etwas Gesundes zu essen, oder bei starken Emotionen auf Essen zu verzichten.»
Auch alte Gewohnheiten sind bei vielen der Grund, wieso sie sich ungesund ernähren. Während dem Krimi werden vor dem Fernseher Chips und Schokolade verdrückt, wie man es schon als Kind im Elternhaus gemacht hat. Oder nach dem Essen gibt es ein Dessert, nur weil man Lust hat, unabhängig vom Hunger. Bei Stress greift man schnell zu Fast Food: schnell verfügbar, sehr salzig und fettreich.
Es gibt also viele Auslöser für emotionales Essen. Baumgartner führt einen weiteren Grund an: Werbebotschaften. Deren Einfluss wird oft unterschätzt, obwohl sie unser Essverhalten subtil und nachhaltig prägen.
Werbebotschaften können problematisches Essverhalten verstärken
Werbebotschaften beeinflussen unser Essverhalten stark. Aussagen wie «Gönn dir etwas» oder «Schokolade macht glücklich» verknüpfen das Essen bestimmter Lebensmittel gezielt mit positiven Emotionen. Die Werbung verstärkt das Problem des emotionalen Essens, insbesondere bei Menschen, die ohnehin zu diesem Verhalten neigen. Auch Filme, Serien und Social Media verstärken emotionales Essen. Süsses als Belohnung wird zur Normalität. Aus medizinischer Sicht entsteht hier ein ethischer Konflikt. Menschen werden unbewusst beeinflusst, besonders vulnerable Gruppen. Annic Baumgartner plädiert deshalb für eine kritischere Auseinandersetzung mit Lebensmittelwerbung. «Aus meiner Sicht sollte beispielsweise Schokoladenwerbung vergleichbar kritisch betrachtet werden wie Alkohol- oder Nikotinwerbung».
3 Fragen an Katrin Haas, Leiterin Ernährungsberatung am Kantonsspital Aarau
1. Viele Betroffene geben sich selbst die Schuld. Wie lässt sich emotionales Essen aus fachlicher Sicht erklären?
Das Essverhalten entsteht meist aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Stress kann hormonelle Prozesse beeinflussen, gleichzeitig spielen erlernte Verhaltensmuster sowie emotionale Belastungen eine Rolle – körperliche und psychische Aspekte können sich dabei gegenseitig verstärken. Hilfreich ist es, das eigene Essverhalten im Kontext des Alltags zu betrachten: Wie regelmässig und ausreichend esse ich? Wie gut gelingen mir Erholung und Regeneration? In welchen Situationen entsteht der Impuls zu essen?
Solche Fragen können helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen. Emotionales Essen ist dabei kein Zeichen mangelnder Disziplin, sondern häufig eine nachvollziehbare Reaktion auf Belastung oder innere Spannungszustände.
2. Was kann man konkret tun, wenn man merkt, dass Essen als Stressventil dient?
Eine zentrale Frage lautet: Was brauche ich gerade wirklich? Häufig stehen hinter dem Essimpuls Bedürfnisse wie Entlastung, eine Pause, Wertschätzung oder auch Schlaf. Ein hilfreicher erster Schritt kann sein, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu benennen sowie das dahinterliegende Bedürfnis ernst zu nehmen. Darauf aufbauend lassen sich alternative Strategien entwickeln und schrittweise in den Alltag integrieren – etwa ein kurzes Übergangsritual am Abend, bewusst eingeplante Zeit zur Entspannung oder der Kontakt zu einer vertrauten Person. Dabei geht es nicht um Verzicht, sondern darum, neue Wahlmöglichkeiten zu schaffen und bewusster entscheiden zu können.
3. Welche Rolle spielt die Ernährungsberatung für betroffene Personen?
Die Ernährungsberatung übernimmt eine wichtige Rolle als fachliche Begleitung mit einem ernährungspsychologischen Ansatz. Ziel ist es, Betroffene dabei zu unterstützen, ihr Essverhalten besser zu verstehen und eine langfristig tragfähige sowie flexible Beziehung zum Essen zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen die Stärkung der Selbstwirksamkeit, eine differenziertere Wahrnehmung von Hunger, Sättigung und Emotionen sowie die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Bei Bedarf erfolgt zudem eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus der Medizin und gegebenenfalls der Psychologie, um Betroffene ganzheitlich zu unterstützen
Unterstützungsangebote unter: ksa.ch/keea
Gesundheitliche Folgen von emotionalem Essen
Wird emotionales Essen zur dauerhaften Strategie, um Stress oder negative Gefühle zu regulieren, kann dies schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Übergewicht und Adipositas belasten insbesondere das Herz-Kreislauf-System. Blutgefässe werden geschädigt, Kalk- und Cholesterinablagerungen nehmen zu und führen zu Durchblutungsstörungen oder Funktionsstörungen ganzer Organe.
Studien zeigen: Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 kg/m² haben ein rund 50 Prozent höheres Sterberisiko im Vergleich zu normalgewichtigen Personen. Bei einem BMI über 40 kg/m² ist das Risiko sogar zweieinhalbmal so hoch.
Weitere mögliche Folgen sind Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Fettleber, Schlafapnoe, Herzschwäche, Gelenkprobleme und ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen. Diese lange Aufzählung macht es deutlich: Emotionales Essen ist nicht nur ein psychologisches, sondern auch ein medizinisches Thema.
Was hilft im Alltag?
Der erste Schritt ist das Bewusstwerden: In welchen Situationen esse ich – und warum? Oft zeigt sich, dass emotionales Essen an wiederkehrende Auslöser gekoppelt ist, etwa Stress, Überforderung oder Einsamkeit.
Hilfreich können einfache Verhaltensänderungen sein: Abstand schaffen zwischen Emotion und Essen und alternative Strategien ausprobieren – etwa ein Spaziergang, Musik hören, Lesen oder bewusst auf Medienreize verzichten. Manchmal hilft es bereits, den Fernseher auszuschalten oder Süssigkeiten nicht ständig griffbereit zu haben.
Steigt der Leidensdruck oder treten gesundheitliche Folgen auf, ist eine ärztliche oder psychologische Abklärung sinnvoll. Eine Verhaltenstherapie kann helfen, neue Wege im Umgang mit Stress und Emotionen zu erlernen. Wichtig ist: Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung für die eigene Gesundheit.
Johanna Häseli