Endoskopische Neurochirurgie: Schonende Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen
27. März 2026
Minimal-invasive Verfahren gehören heute zum Standard in der Behandlung von Nervenkompressionssyndromen der Wirbelsäule. Die endoskopische Neurochirurgie geht noch einen Schritt weiter: Durch kleinste Zugänge können Nervenstrukturen besonders schonend entlastet werden. Neurochirurg Dr. med. Julien Jost, erklärt, wie diese Technik dazu beiträgt, Schmerzen zu reduzieren und eine rasche Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen.
- Fachperson Dr. med. Julien Jost
- Lesedauer ca. 5 Minuten
Was versteht man unter minimal-invasiver bzw. endoskopischer Neurochirurgie – und was unterscheidet sie von klassischen Verfahren?
Die minimal-invasiven Operationen unter Mikroskop sind heute bei Nervenkompressionssyndromen der Wirbelsäule, d.h. bei Bandscheibenvorfällen, knöchernen Veränderungen und Entzündungen an der Wirbelsäule, die Standardverfahren. Auch bei Operationen mit dem OP-Mikroskop sind Hautschnitte von nur wenigen Zentimetern erforderlich. Die empfindlichen Nervenstrukturen in der Tiefe können dadurch präzise und schonend entlastet werden. Allerdings muss dafür weiterhin ein Teil der Muskulatur abgelöst werden.
Mit der Endoskopie bringen wir über ein dünnes Röhrchen die Kamera direkt an den Nerv. Für das Einführen genügt ein Schnitt von wenigen Millimetern. Die Kamera überträgt die Bilder in Echtzeit auf einen Monitor. Das ermöglicht uns, noch präziser zwischen den Muskelfasern hindurch zu operieren. Dadurch entsteht eine kleinere Wundfläche. Das ist der Unterschied zu den Standard-Operationen an der Wirbelsäule mit dem OP-Mikroskop.
Warum gewinnt die endoskopische Neurochirurgie zunehmend an Bedeutung?
Mit der technischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte konnten wir unsere Verfahren immer schonender gestalten. Operationen mit dem OP-Mikroskop sind bereits minimal-invasiv und ein grosser Fortschritt gegenüber früheren offenen Verfahren. Dennoch bleibt für die Wundheilung der Zugangsweg ein relevanter Faktor, der Beschwerden verursachen kann. Hier kann das endoskopische Verfahren punkten.
Wir wissen heute, dass verbleibende Schmerzen nach einer Operation häufig vom Zugang herrühren und weniger vom Ursprungsproblem des Nervenkompressionssyndroms. Eines unserer Ziele ist es aber, dass unsere Patientinnen und Patienten rasch wieder mobil werden. Endoskopische Verfahren ermöglichen uns, die Ergebnisse der bisherigen Verfahren noch weiter zu verbessern und dieses Ziel zu erreichen.
Welche Krankheitsbilder lassen sich besonders gut behandeln?
Bandscheibenvorfälle, Engstellen des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) sowie Nervenaustrittsengpässe. Bei komplexen Instabilitäten oder grösseren Fehlstellungen der Wirbelsäule sind endoskopische Verfahren hingegen nicht geeignet.
Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein endoskopisches Verfahren geeignet ist?
Die erste Entscheidung betrifft nie die Methode, sondern die, ob überhaupt operiert werden sollte. Eine Operation ist immer die letzte Therapieoption nach zuvor eingeleiteten konservativen, aber erfolglosen Massnahmen – es sei denn, die Zeit drängt: etwa dann, wenn bereits ausgeprägte Lähmungserscheinungen oder Entzündungen aufgetreten sind.
Erst wenn die Beschwerden akut und anhaltend sind und eine Operation unausweichlich wird, entscheiden wir individuell, ob wir das Problem endoskopisch lösen können.
Welche Unterschiede gibt es beim Heilungsverlauf?
Die Nervenschmerzen verbessern sich bei beiden Verfahren ähnlich schnell, aber Wund- und Muskelschmerzen sind beim endoskopischen Eingriff deutlich geringer. Patientinnen und Patienten bewegen sich früher und kehren schneller in ihren Alltag zurück. Durch den kleinen Zugang sind Wundinfektionen extrem selten und die Prognose planbarer.
Welche Rolle spielt dabei moderne Technologie wie die Robotic Suite?
Die mit der Robotic Suite eingesetzte Technik unterstützt den Chirurgen dabei, präziser und mit weniger Röntgenstrahlung zu arbeiten. Die eingesetzten Navigationssysteme bestätigen millimetergenau die Position der Instrumente im Körper und erhöhen die Verlässlichkeit des Eingriffs. Sie ersetzt den Chirurgen nicht – sie macht aber die Operation sicherer.
Wie geht man auf mögliche Ängste von Patientinnen und Patienten vor so einem Eingriff ein?
Wir erklären unseren Patientinnen und Patienten immer zuerst, dass die Methode, wie wir operieren nicht das Entscheidende ist. Entscheidend ist immer der individuelle Leidensdruck. Es gibt nie eine zwingende Operationsnotwendigkeit bei Wirbelsäulenleiden, immer nur eine relative. Wir erklären jedoch, dass wir über Verfahren verfügen, um lebensqualitäts-einschränkende Probleme sicher zu behandeln. Endoskopisch operieren bedeutet dann nicht schneller operieren, sondern den Körper so schonend wie möglich zu operieren.
In der Neurochirurgie am KSA behandeln wir Erkrankungen von Gehirn, Rückenmark und Nervensystem – von Tumoren über Wirbelsäulenerkrankungen bis hin zu chronischen Schmerzen. Mit grosser Erfahrung und einem interdisziplinären Ansatz wird für jede Patientin und jeden Patienten die passende, evidenzbasierte Therapie gewählt.