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    Diagnose Lungenkrebs mit 35 Jahren – «Plötzlich stand einfach alles still»

    19. Mai 2026

    Ein hartnäckiger Husten, Gewichtsverlust, später Atemnot. Erst die interdisziplinäre Abklärung am Kantonspital Aarau bringt die unerwartete Diagnose und eine zielgerichtete Therapie. Der sportliche Nichtraucher Lukas K. leidet an einer seltenen Form von Lungenkrebs.

     

    • Fachperson Prof. Dr. med. Hans-Joachim Kabitz
    • Lesedauer ca. 4 Minuten
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    Als Lukas K. im November 2024 anhaltend zu husten beginnt, denkt er sich anfänglich nichts dabei. Im Frühling kommt dann allerdings Würgereiz hinzu und schliesslich verliert der junge Mann ohne nachvollziehbaren Grund massiv an Gewicht. «Ich habe das auf Stress im Job geschoben und dachte immer: ‹Das wird dann schon wieder besser›», erzählt der 35-Jährige.

    Doch auch nach mehreren Besuchen bei Akupunktur-, HNO- und Lungenspezialistinnen bzw. -spezialisten wird es nicht besser. Immer öfter liegt Lukas K. erschöpft zu Hause. «Ich lag teilweise nur noch auf dem Sofa, weil ich keine Energie mehr hatte», berichtet er. Seine Osteopathin vermutet schliesslich eine ernstere Ursache hinter den Beschwerden und rät ihm, nochmals zur Hausärztin zu gehen. Diese reagiert umgehend und veranlasst ein Computertomogramm. Kurz darauf folgt die Überweisung ans Kantonsspital Aarau.

    Diagnose Lungenkrebs: «Alles stand still»

    Der anfängliche Verdacht war eine Tuberkulose. Am KSA wird eine Lungenspiegelung (Bronchoskopie) durchgeführt. Dabei entnimmt Prof. Dr. med. Hans-Joachim Kabitz, Chefarzt Pneumologie und Schlafmedizin, Gewebeproben zur weiteren Abklärung. Bereits am nächsten Tag erhält Lukas K. dann die unerwartete Diagnose: Lungenkrebs. «Es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Plötzlich stand einfach alles still», erinnert er sich.

    Lungenkrebs gehört in der Schweiz zu den häufigsten Krebserkrankungen. Jährlich erkranken rund 4900 Menschen daran. Fast alle Betroffenen sind bei der Diagnose über 50 Jahre alt. Dass ein 35-jähriger sportlicher Nichtraucher betroffen ist, ist sehr selten. «Bei jungen Menschen ohne klassische Risikofaktoren denkt man zunächst nicht an Lungenkrebs. Genau deshalb ist bei anhaltenden Beschwerden eine sorgfältige Abklärung essenziell», erklärt Chefarzt Kabitz.

    Bei Lukas K. zeigt sich ein sogenanntes ALK-positives Lungenkarzinom – eine seltene Form von Lungenkrebs, die bereits Metastasen im Gehirn gebildet hat. Die zugrunde liegende genetische Veränderung kann nur durch spezifische pathologische und molekulargenetische Untersuchungen erkannt werden. Die Gewebeproben aus der Bronchoskopie werden deshalb gezielt analysiert. «Eine präzise Diagnostik ist entscheidend, da sie bestimmt, welche Therapie überhaupt möglich ist», erläutert Kabitz.

    Eine präzise Diagnostik bildete die Grundlage für die gezielte Therapie von Lukas K.
    Eine präzise Diagnostik bildete die Grundlage für die gezielte Therapie von Lukas K.

    Enge Zusammenarbeit zwischen Fachdisziplinen ist zentral

    Am KSA werden solche Fälle interdisziplinär am Lungenkrebszentrum beurteilt. Pneumologie, Thoraxchirurgie, Onkologie, Radioonkologie, Radiologie, Pathologie und Nuklearmedizin arbeiten eng zusammen. Im sogenannten Lungen-Thorax-Board werden die Befunde gemeinsam besprochen und die Behandlung festgelegt. «Gerade bei komplexen Erkrankungen ist diese enge Zusammenarbeit zentral, damit Diagnostik und Therapie rasch und koordiniert erfolgen können», betont der Lungenfacharzt.

    Für Lukas K. verändert die Diagnose alles. Zunächst rechnet er mit einer Chemotherapie. Dann zeigt sich, dass eine zielgerichtete Behandlung möglich ist. Statt einer klassischen Chemotherapie erhält er das Medikament Lorlatinib in Tablettenform. Im Vergleich zu herkömmlichen Chemotherapien verursacht diese Behandlung häufig deutlich weniger belastende Nebenwirkungen. «Das war eine riesige Erleichterung», so Lukas K.

    Der Behandlungsverlauf ist dennoch nicht komplikationsfrei. Aufgrund schwerer entzündlicher Veränderungen muss Lukas K. operiert werden. Dabei entfernen die Thoraxchirurgen entzündliches und geschädigtes Gewebe aus dem Lungenbereich. Insgesamt bleibt er fünf Wochen stationär am KSA. Trotz der belastenden Zeit fühlt er sich dort gut aufgehoben: «Ich hatte das Gefühl, in guten Händen zu sein.»

    Ruhe, Zeit in der Natur und ein gutes Umfeld

    Heute arbeitet Lukas K. wieder zu 40 Prozent. Unter der laufenden Therapie konnte die Tumorlast deutlich reduziert werden, die Erkrankung ist derzeit stabil. Neben der regelmässigen Einnahme einer Tablette (Lorlatinib) achtet er heute bewusster auf sich selbst. «Ich bin dankbarer geworden und möchte mich weniger über Kleinigkeiten ärgern», sagt er. Besonders wichtig sind ihm heute Ruhe, Zeit in der Natur mit seiner Hündin und seinen Mitmenschen.

    Nicht alle Betroffenen können eine solche zielgerichtete Therapie wie Lukas K. erhalten. Derartige genetische «Treibermutationen» sind selten. Dennoch habe sich die Behandlung von Lungenkrebs in den letzten Jahren stark verändert, erklärt Experte Kabitz. Neben klassischen Chemotherapien kommen mittlerweile häufig moderne Immuntherapien zum Einsatz. «Die Therapie wird zunehmend individueller und orientiert sich stärker an den biologischen Eigenschaften des Tumors», sagt er.

    Heute ist die Erkrankung von Lukas K. unter der Therapie stabil. Regelmässige Kontrollen begleiten seinen Alltag weiterhin.
    Heute ist die Erkrankung von Lukas K. unter der Therapie stabil. Regelmässige Kontrollen begleiten seinen Alltag weiterhin.

    Warnzeichen ernst nehmen

    Das Lungenkrebszentrum am KSA steht kurz vor der Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft. Studien belegen, dass Patientinnen und Patienten in zertifizierten Lungenkrebszentren eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Gründe dafür sind unter anderem moderne Diagnostik, standardisierte Behandlungsabläufe und die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Hinzu kommen kurze Wege sowie die Möglichkeit, Abklärungen und Therapien schnell zu koordinieren – gemäss dem Konzept «Alles aus einer Hand» beziehungsweise «Alles unter einem Dach».

    Am KSA werden jährlich rund 90 Operationen bei Lungenkrebs durchgeführt. Zudem entwickelt sich das Zentrum technologisch weiter: Ab 2027 soll die roboterassistierte Bronchoskopie eingeführt werden. Sie ermöglicht auch bei kleinen oder schwer zugänglichen Veränderungen in der Lunge eine präzise Entnahme von Gewebeproben.

    Für Kabitz bleibt trotz aller technischen Fortschritte eines zentral: Warnzeichen müssen erkannt und ernst genommen werden. Anhaltender Husten über mehrere Wochen, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiss, zunehmende Atemnot oder Blut im Auswurf sollten ärztlich abgeklärt werden. «Wenn Beschwerden trotz Behandlung nicht verschwinden, ist eine weiterführende pneumologische Untersuchung notwendig», betont der Chefarzt.